Zeugenaussage im Prozess gegen Reinhold Hanning: Bill Glied, 18.02.2016

Mein Name ist William Glied, aber jeder nennt mich Bill.

Ich wurde 1930 in der Stadt Subotica im ehemaligen Jugoslawien, heutigen Serbien, in eine wohlhabende jüdische Familie geboren.

Mein Vater betrieb die örtliche Getreidemühle, während meine Mutter sich um meine Schwester Aniko und mich kümmerte. Wir führten in Jugoslawien ein gutes Leben, ich besuchte die öffentliche Schule und erfuhr von meinen Klassenkameraden nie Antisemitismus.

Am 6. April 1941 griffen die Achsenmächte unter der Führung Deutschlands Jugoslawien an und eroberten es rasch.

Meine Stadt Subotica und meine Heimatprovinz Batschka wurden an Ungarn abgetreten und fortan von der faschistischen ungarischen Regierung beherrscht.

In den folgenden Jahren wurden viele, gegen die beachtliche jüdische Bevölkerung gerichtete antisemitische Gesetze verabschiedet. Ich durfte jedoch zur Schule gehen, was ich auch tat, trotz der ständigen Schikanen seitens meiner Lehrer und Klassenkameraden, ganz im Gegensatz zu den Jahren zuvor.

Ich musste einen großen gelben Stern auf meiner Jacke tragen, was bei meinen Mitschülern nur noch mehr Hohn und Spott auslöste.

Unsere Mühle wurde konfisziert und wir wurden täglich schikaniert und verfolgt. Dennoch gelang es uns, auch unter diesen schwierigen Umständen unseren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Im Frühjahr 1944 fand die deutsche Nazi-Regierung heraus, dass die Ungarn heimlich mit den Alliierten um einen Waffenstillstand verhandelten. Infolgedessen besetzten deutsche Truppen am 19. März 1944 Ungarn und setzten eine von Ferenc Szálasi und den Pfeilkreuzlern geführte Marionettenregierung ein.

Von diesem Moment an wurde das Leben der Juden, und somit auch meines, noch viel schlimmer.

In den nächsten paar Wochen wurden eine ganze Reihe antijüdischer Gesetze verkündet. Ich wurde von der Schule verwiesen und alle Juden standen von nun an unter einer strengen nächtlichen Ausgangssperre. Binnen weniger Tage war die ganze Stadt mit Anschlägen plakatiert, mit der Aufforderung an alle Juden, sich für die „sofortige Umsiedlung nach Osten“ bei der Polizeihauptwache zu melden.

Meine Familie wurde zuerst in die Stadt Szeged verfrachtet, wo wir in der ehemaligen jüdischen Schule untergebracht wurden, doch ein paar Tage später ging es schon weiter, nun in die Stadt Baja in Ungarn, in eine sehr große Ziegelei. Alle Juden aus den umliegenden Städten und Dörfern waren in diesem Hof versammelt, unsere Unterkunft bestand lediglich aus offenen Hütten, wo früher die Ziegel zum Trocknen ausgelegt wurden.

Ich weiß nicht, wie viele Tage wir in dieser Ziegelei verbrachten, aber es handelte sich um Tage, nicht Wochen. Ungarische Gendarmen und ein paar deutsche Offiziere bewachten uns.

Eines Tages wurde uns mitgeteilt, dass wir in ein paar Tagen zum Arbeitseinsatz nach Osten gebracht würden. Dabei versicherte man uns aber, dass nur die gesunden Männer arbeiten würden, dass wir anständig untergebracht und versorgt würden.

Man sagte uns, dass zwei Züge abfahren würden und wir uns aussuchen konnten, ob wir im ersten oder im zweiten Zug fahren wollten. Nach langem Hin und Her entschied sich meine Familie – meine Eltern und Verwandten – für den ersten Zug, in der Annahme, dass wir so eine bessere Auswahl an Unterkunft hätten.

Oh! Wie falsch! Die schreckliche Ironie unserer Wahl. Der zweite Zug fuhr nach Wienerneustadt! Alle Passagiere des zweiten Zuges, einschließlich einer Tante und einer Kusine, überlebten alles unbeschadet. Ich vermute, bin mir aber nicht sicher, dass das Teil der Abmachung zwischen Eichmann und Kasztner war.

An dem schicksalhaften Tag erwartete ich einen Personenzug, doch als er ankam, bestand er aus einer Reihe Viehwaggons. In diesen ersten Zug, in diesen finsteren Viehwägen wurden wir hineingepfercht wie Sardinen. Ich weiß nicht, wie viele von uns hineingezwängt wurden, Männer, Frauen, Kinder, Kranke, jemand im Rollstuhl, überall Pakete, drängelnde Menschen, die alle einen Platz suchten, wo sie sich hinsetzen konnten.

Meine Schwester und ich fanden in der Nähe der Tür einen Platz zum Hinsetzen und meine Eltern setzen sich gleich hinter uns auf den Koffer, den wir dabei hatten. Der Zug fuhr los und die ersten paar Stunden hatten meine Schwester Aniko und ich noch keine Schwierigkeiten, Mama hatte Essen mitgebracht, doch dann ergab sich im Viehwagen ein Problem: Jemand musste auf Toilette. Gab es denn einen Waschraum? Einen Vorhang? Einen Behälter?

Und in diesem schrecklichen Viehwaggon waren wir zwei Tage und Nächte lang, nichts zum Essen, kein Wasser, keine Rücksicht auf persönliche Hygiene. Nur Erniedrigung—nur eine neue Art, uns zu entmenschlichen. Der Zug hielt hin und wieder an, manchmal ein paar Stunden lang. Sie hätten uns versorgen oder den Waggon sauber machen können, aber nichts dergleichen geschah. Wir waren eingesperrt wie das Vieh, für das diese Waggons ursprünglich gedacht waren.

Am dritten Morgen blieb der Zug stehen. Es vergingen ein paar Stunden, dann hörten wir draußen Geräusche. Die Türen wurden aufgerissen. Ich blickte hinaus, es war ein heller, sonniger Morgen, der 28. Mai, um genau zu sein. Ich sah einen Bahnsteig aus Kies. Auf der anderen Seite standen Soldaten mit Gewehren vor einem Zaun, auf dem Gleis selbst liefen einige Nazi-Soldaten mit Gehstöcken herum – zumindest hielt ich es für Gehstöcke. Unter ihnen waren ein paar Männer mit kleinen runden Kappen in blaugrauen Schlafanzügen. Sie brüllten:

„RAUS. RAUS. Lasst euer Gepäck im Waggon. Das bekommt ihr später.“

Wir kamen aus dem Waggon gehetzt. Ich hielt Papas Hand und meine Schwester Aniko klammerte sich an Mama.

Das Chaos, der Tumult, der dann ausbrach, ist unbeschreiblich. Babies weinten, Frauen riefen nach ihren Männern, Leute stritten miteinander. Und über dem Ganzen hing dieser widerwärtige Gestank.

Die ganze Zeit über schlängelten sich SS-Leute durch die tosende Menge und hieben rabiat mit ihren Stöcken auf Leute ein, trennten Familien, schleusten uns wie eine Schafherde auf dem Weg zum Schlachthof. Ich hatte verzweifelte Angst. Ich klammerte mich an die Hand meines Papas, und als die Männer in den Schlafanzügen befahlen, dass die Frauen und Mädchen sich in Fünferreihen aufstellen sollten, und die Männer ebenfalls in einer anderen Fünferreihe, bekam ich Panik. Mein Papa versuchte, mich zu beschwichtigen, sagte mir, alles würde schon gut und ich müsse mich jetzt wie ein Mann verhalten und nicht wie der dreizehnjährige Junge, der ich war.

Als die Reihen endlich zur Zufriedenheit der Grau-Gestreiften aufgestellt waren, hörte ich von dieser verzweifelten Menge nur noch ein stetiges, qualvolles Stöhnen und Murmeln, durchsetzt mit Kinderweinen.

Jedes Mal, wenn ich eine lärmende Menschenmenge höre, sogar bei einem Fußballspiel, hallt mir dieses Geräusch heute noch in den Ohren wider und ich bekomme Platzangst.

Endlich begann sich meine Marschkolonne vorwärts zu bewegen und binnen weniger Minuten war unsere Reihe ganz vorne. Es herrschte Ruhe. Drei oder vier SS-Soldaten standen da, ganz entspannt, sahen uns lässig an. Einige der Männer in Schlafanzügen standen an der Seite. Ein Offizier fiel mir auf, er war groß und gut aussehend, aber an sein Gesicht kann ich mich nicht erinnern. Er stand da und sagte kein Wort.

Eine Reihe von uns verwahrlosten Juden kam an ihm vorbei. Er sah uns voller Verachtung an und zeigte dann auf die Person neben mir. Er winkte mit der Hand nach rechts, und der Mann ging zu einer Gruppe, die sich da bereits formiert hatte.

Dann sah er mich an – ich schwöre, nicht länger als eine Sekunde – sagte nichts, fragte nicht nach meinem Namen, meinem Alter, wo ich herkam. Er deutete nur nach rechts. Ich rührte mich nicht. Einer der Männer in Schlafanzügen fuchtelte frenetisch mit der Hand und sah mich dabei an. Ich hastete zu der Gruppe der Männer, die schon in einer Menschentraube beieinander standen. Eine Sekunde später kam mein Vater auch dazu.

Was war mit der Kolonne der Frauen geschehen? Alles war so schnell, so chaotisch gegangen, ich war gar nicht zum Nachdenken gekommen. Ich weiß nur, dass ich meine Mama und Schwester nie wieder gesehen habe – nie wieder. Ich habe mich nicht von ihnen verabschiedet, ich habe sie nicht umarmt oder geküsst. Sie sind für immer aus meinem Leben verschwunden.

Heute weiß ich es natürlich. Und in meinen Alpträumen sehe ich die Kolonnen immer wieder verschwinden.

Rückblickend, in meinen Gedanken, denen ich fast täglich nachhänge – und ja, diese Gedanken kommen mir jeden Tag – sehe ich dieses Stück gottverlassener Erde—diese Rampe als das schlimmste Stück Boden auf Erden. Schlimmer als Dantes siebter Höllenkreis. So schlimm die Bombardements von Hiroshima, Dresden oder London auch waren, diese Rampe, nicht größer als ein Fußballplatz, diese Hölle auf Erden übertrifft alles. Dieser Ort ist der stumme Zeuge des unglaublichen Ereignisses, dass eine kleine Gruppe Männer, unterstützt von ein paar Tausend SS-Männern, die den Ort bewachten, unschuldige Menschen zu einem schrecklichen Tode verurteilten. Sie verurteilten Kinder mit ihren Müttern, alte Männer, Frauen. Diese herzlosen Mörder entschieden mit einer Handbewegung, wer überlebte und wer starb. Kein Haftbefehl, kein Dokument, kein Richter, keine Geschworenen. Sie konnten eine Person verschonen, wenn sie ihnen gefiel, oder jemandem zum Tode verurteilen, weil er einen Zwirbelbart trug.

Keiner wurde zur Rechenschaft gezogen, solange er in der Fabrik des Todes seine Tagesquote an Leichen erfüllte.

Und so schlimm die Todesfabrik, die folgte, auch war, es war – wie Oscar Gröning es erst kürzlich sagte – einfach der „Prozess“, das Abwickeln eines vorbestimmten Schicksals, das von diesen paar SS-Männern auf der Rampe entschieden wurde.

Wie war es möglich, dass im zwanzigsten Jahrhundert Menschen aus der kultiviertesten europäischen Nation darauf aus waren, ein ganzes Volk auszulöschen, und dass es ihnen beinahe gelungen wäre.

Letztlich wurden wir in ein großes Gebäude geführt und uns wurde befohlen, uns auszuziehen. Wir standen nackt da—vor all diesen nackten Erwachsenen war ich schüchtern und peinlich berührt. Dann kamen die anderen „Schlafanzüge“ herein und schoren uns die Haare ab. Wir wurden in eine weitere große Halle geschleust. Auf den Balken über uns waren Duschköpfe installiert und bald kam heißes Wasser herausgeschossen. Ich versuchte, den ganzen Dreck von meinem Körper zu waschen, mein Papa half mir, aber es gab keine Seife, und das Wasser versiegte nach ein paar Minuten. Es gab keine Handtücher und wir wurden, nass wie wir waren, wieder ins Freie gescheucht, wo blaugraue Schlafanzüge auf langen Tischen auslagen. Nun begriff ich, dass es Uniformen waren, Jacke, Hose, Holzpantoffeln und eine kleine runde Mütze. Wir zogen die Sachen über unsere nassen Körper und man führte uns in eine leere große Baracke, wo wir die nächsten zwei Wochen wohnten.

Ich könnte stundenlang von den Schrecken sprechen, die mein Vater und ich in diesen kurzen Wochen in dieser Baracke entdeckt und erlebt haben.

Das Trauma, zu entdecken und zu begreifen, was den „Arbeitsunfähigen“ widerfuhr, die Gaskammern und Krematorien, und was meiner Mutter und Schwester und den anderen 18 nahen Verwandten passiert sein muss, die mit uns im Viehwaggon waren.

Der tägliche „Appell“, die wahllosen Prügel.

Einen kleinen Vorfall schleppe ich mit mir herum und werde das wohl für immer tun. Im größeren Zusammenhang von Auschwitz ist er völlig unbedeutend, doch er hat mein Leben verändert. Mein Vater und ich standen draußen auf der Lagergasse zwischen den Baracken, als ein SS-Offizier auf uns zukam, meinen Vater ansah und ihm mit voller Wucht mit dem Handrücken ins Gesicht schlug. „Wenn ich mich dir nähere, dann nimmst du gefälligst die Mütze ab, du Schweinehund.“ Und mein Vater stand da, nun mit der Mütze in der Hand, und entschuldigte sich. Mein Vater, zu dem ich aufschaute wie zu einem Gott, den alle, die ihn kannten, achteten und bewunderten, der nichts falsch machen konnte, stand da, geohrfeigt und gedemütigt.

Diesen Vorfall werde ich weder vergessen noch vergeben. Dieser Vorfall belastet mich jeden Tag und wird es bis an mein Lebensende.

Ich habe nur zwanzig Tage in Auschwitz/Birkenau verbracht, aber diese zwanzig Tage erschienen mir wie zwanzig Jahre. Wir wurden erneut in Viehwaggons verfrachtet und mitten nach Deutschland gebracht, nach Dachau, und von dort aus direkt nach Kaufering. Mein Vater und ich erkrankten beide an Typhus und mein Vater starb am 21. April 1945, acht Tage vor der Befreiung. Ich habe überlebt und wurde am 29. April 1945 in Dachau von der amerikanischen Armee befreit.

Als 17-jähriges Waisenkind wanderte ich 1947 nach Kanada ein. Ich bin mit einer wunderbaren Frau verheiratet, habe drei Töchter, die auch alle verheiratet sind, und acht Enkel.

Warum bin ich heute hier als Zeuge und Nebenkläger? Nicht aus Hass – ich kenne Herrn Hanning nicht. Ich kam her, weil ich zwar nicht hasse, aber auch nicht vergessen kann. Meine Hoffnung ist, dass die Verurteilung dieses SS-Offiziers helfen wird, die verbleibenden Holocaust-Skeptiker zum Schweigen zu bringen. Und dass die Welt erfährt, dass die Menschheit mitfühlt. Danke.

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