ZEUGENAUSSAGE IM PROZESS GEGEN REINHOLD HANNING: HEDY BOHM, 06.04.2016

Mein Name ist Hedy Bohm. Ich wurde am 11. Mai 1928 im rumänischen Oradea geboren. Ich war das einzige Kind meiner Eltern Elisabeth und Ignac Klein. Mein Vater war Zimmermeister. Als Einzelkind wurde ich übermäßig behütet und vor der harschen Wirklichkeit beschützt.

Mein Vater war ein sanftmütiger, stiller Mann. Kein einziges Mal habe ich ihn laut werden hören. Meine Mutter verwaltete als Hausfrau ruhig unseren Alltag. Den Gerüchten über die Gräueltaten an den Juden, als Hitlers Armee ein Land nach dem anderen eroberte, schenkten meine Eltern keinen Glauben. Sie waren davon überzeugt, dass die ungarische Regierung sie nicht im Stich lassen würde. Als uns also befohlen wurde, ins Ghetto zu ziehen, leisteten wir friedlich Folge. Wir mussten alles in unserer Wohnung zurücklassen und durften nur einen kleinen Koffer mitnehmen, keine Wertsachen, nur das Allernötigste. Ich war gerade sechzehn geworden.

Die Transporte fuhren jeden Tag ab, die ungarischen Soldaten holten die Leute aus den Gebäuden und führten sie im Marschschritt zu den Viehwägen, die zu unserem Abtransport bereitstanden. Wir waren etwa einen Monat im Ghetto, ehe sie uns gegen Ende Mai 1944 abholten. Wir wurden geschubst und gestoßen. In jeden Viehwagen kamen etwa 80 bis 90 Leute. Man konnte nur stehen, wie Sardinen in einer Dose. Man gab uns einen Kübel Wasser und einen leeren Eimer. Die Türen wurden von außen verriegelt und wir fuhren los. Ein winziges Fenster mit Stacheldraht war unsere einzige Frischluftzufuhr. Wir standen dicht gedrängt, die Luft wurde unerträglich. Es gab nichts zu Essen oder zu Trinken. Die Kinder und Babys weinten. Es stank, wir hatten Hunger und Durst, die Kranken stöhnten. Fäkalien schwappten aus den Eimern über. Der Zug fuhr drei Tage und drei Nächte lang, blieb manchmal stehen, fuhr dann weiter. Wir wussten nicht, wohin es ging. Wir glaubten immer noch, wir würden zu einem Arbeitseinsatz gebracht. Ich erinnere mich daran, wie ich meiner Mama zufächelte, weil sie keine Luft bekam.

Nach den drei Tagen im Viehwagen blieb der Zug endlich stehen. Wir waren angekommen, aber wo? Die Türen wurden geöffnet, und es brach sofort Chaos aus. Unter Gebrüll stiegen wir aus: „RAUS! RAUS! SCHNELL!“

Der Anblick, der sich mir bot, war fremdartig und unbegreiflich. Unmittelbar vor mir kamen Menschen aus den Waggons geflutet, hauptsächlich Frauen, die Kinder an den Händen oder Säuglinge in den Armen hielten, Ältere, die sich gegenseitig aus dem Waggon halfen. Und über all das wachten die schwarz uniformierten deutschen Wachmänner, die ihre Gewehre auf uns gerichtet hielten. Andere hielten große, knurrende Hunde an kurzen Leinen. Die Wachen und andere Männer in schwarz-weiß gestreiften Uniformen brüllten uns an, wir sollten uns beeilen. Jenseits der wogenden Masse verängstigter Menschen erstreckte sich eine hohe Einzäunung, soweit das Auge reichte. Die schiere Größe und das Ausmaß der Anlage überstieg alles, was ich je zuvor gesehen hatte. Darüber lag jedoch der Schatten des Horrors, der hier vor sich ging. Scheunenartige Baracken standen in Reihen. Allerorts wurde geschrien und gebrüllt, hastig wurde ein Befehl nach dem anderen erteilt.

Die erste Anordnung war, dass die Männer nach links gehen sollten. Noch ehe ich mich verabschieden konnte, war mein sanftmütiger, gütiger Vater verschwunden. Ich habe ihn nie wiedergesehen. Den Frauen wurde befohlen, auf der Straße vor uns weiter zu gehen. Ich sah meine Mutter vor mir und rannte ihr nach. Ein quer vor meine Brust gehaltenes Gewehr hielt mich auf. Der SS-Mann rief „Nein!“, deutete nach rechts, „Da lang!“ Ich flehte ihn an, mich meiner Mama folgen zu lassen, die schon recht weit vorangegangen war, doch er versperrte mir weiterhin den Weg. Er wiederholte: „Nach rechts!“ Ich schrie nach meiner Mama. Sie hörte mich, drehte sich um und sah mich an. Die Zeit blieb stehen. Ich weiß nicht, ob es nur ein Augenblick oder eine Minute war. Ich sah sie an. Ihr Blick traf meinen. Dann drehte sie sich wortlos um und ging weiter. Ich war entgeistert und fassungslos. Es war mir unbegreiflich. Ich war völlig allein unter Fremden, zum ersten Mal in meinem Leben. Ich stand unter Schock. So sehr ich mich auch danach sehnte, meine Mutter wieder zu sehen, es war mir nicht vergönnt.

Man befahl uns, in Fünferreihen Aufstellung zu nehmen und weiter durch das offene Tor zu gehen. Wir erfuhren später, dass man diesen Abschnitt des Lagers als Lager C bezeichnete. Als wir die erste Baracke zu unserer Rechten betraten, befahl man uns, uns zum Duschen und Desinfizieren auszuziehen. Unsere Kleider und Schuhe mussten wir in einem Bündel ablegen und man sagte uns, dass wir nachher wiederbekommen würden. Wir betraten einen grauen, leeren Betonraum mit Duschköpfen über uns in der Decke. Nach der Dusche schickte man uns in das nächste Zimmer weiter. Nackt, triefnass, uns notdürftig mit den Händen bedeckend, gingen wir in ein großes Zimmer, in dem Männer und Frauen unsere Köpfe und Körper vollständig kahlschoren. Dann stäubten sie uns ein gelbes Pulver auf den Unterleib. Danach mussten wir an einem langen Tisch entlanggehen, auf dem sich Kleider türmten. Jede von uns bekam eines zugeworfen. Egal, ob es zu groß oder zu klein war, wir behielten es für unsere restliche Zeit hier. Ich bekam Schuhe mit Holzsohlen. Keine Strumpfhose, keine Unterhose, kein Büstenhalter, keine Socken, nur das Kleid und Schuhe.

Als nächstes schickten sie uns hinaus und wir suchten uns einen Platz in einer der großen Baracken, die man Blöcke nannte. Ungefähr dreißig davon waren im Lager C entlang der Stacheldrahtzäune aufgereiht, dazwischen ein breiter Pfad. In jedem Block waren mehrere hundert Frauen untergebracht. Ich ging mit einer kleinen Gruppe die breite Gasse entlang. Die Türen, groß wie Scheunentore, standen offen. Als wir daran vorbeigingen, sah ich, dass in manchen Baracken hölzerne Stockbetten standen. In anderen war nichts als derselbe gestampfte Erdboden, auf dem wir draußen gingen.

Inmitten von all dem stand ein hoher Wachturm mit bewaffneten SS-Männern, die die Anlage ständig überwachten. Man sagte uns, dass wir uns dem Zaun ringsum nicht nähern durften, sonst würde der Wachmann auf uns schießen. Manche begingen Selbstmord, indem sie auf den elektrischen Zaun zu rannten und sich daran klammerten. Wir waren uns bewusst, dass wir unter ständiger Beobachtung standen.

Während wir an mehreren Gebäuden vorbeigingen, bemerkte ich in einem davon auf der linken Seite ein Fenster. Der Sonnenschein verwandelte die Scheibe in einen Spiegel. Ich blieb stehen und sah mich an, wie Dutzende andere auch. Ich blickte in den Spiegel auf die fremden Gesichter, die mich anblickten, und konnte mich selbst nicht darunter erkennen. Ich war die dritte von links. Ich zählte die Gesichter im Spiegel ab und starrte das seltsam aussehende kahle Mädchen eine Zeitlang an, bis ich mich damit abfinden konnte, dass ich das war.

Ich ging fast bis zum Ende des Lagers und fand in einer der Baracken einen winzigen, scheinbar noch unbesetzten Platz auf einer hölzernen Plattform. Ich fragte, ob der Platz belegt war, und man sagte mir, er sei frei. Dort ließ ich mich nieder.

Bald wurde mir klar, warum er noch frei gewesen war. Die Holzbretter reichten nur bis zur Hälfte der Pritsche, so dass ich mich nicht ausstrecken konnte. Ich verbrachte mehrere unbequeme Nächte zusammengerollt, oder mit den Füßen auf dem Rahmenbalken, dann gab ich auf und suchte mir einen Platz in einem anderen Block ohne Betten, wo man einfach auf dem bloßen gestampften Erdboden schlief.

Eine Baracke im Lager C diente uns als Waschraum. Dort gab es eine hölzerne Sitzbank mit Löchern und mehrere große Betonbecken, wo man sich mit kaltem Wasser waschen konnte.

Tage und Wochen vergingen. Wenn es regnete, leckte das Dach an mehreren Stellen und an meinem Schlafplatz bildeten sich Pfützen. Ich ging hinter und hockte mich auf den Rand des Betonwaschbeckens, um trocken zu bleiben, denn alle anderen trockenen Stellen waren schon dicht belegt. Später fand ich beim Gang durch das Lager eine Lösung für mein Problem: drei kleine Stücke Holz, die vom Bau des Lagers übriggeblieben waren. Sie waren etwa zwei bis drei Zentimeter lang und breit und einen Zentimeter dick. Das nächste Mal, als es regnete, legte ich ein Stück unter mein Knie, eines unter die Hüfte und das dritte unter meine Schulter. Das hob mich gerade genug über die Pfütze, und so schlief ich dann.

Ich redete mir ein, dass meine Mutter sich wohl an einem ähnlichen Ort befand, und dass sie überleben würde, weil sie klug und stark war. Ich redete mir ein, dass wir uns nach dem Krieg wiedersehen würden. Bis dahin musste ich alles in meiner Kraft Stehende tun, gesund, sauber und guten Mutes zu bleiben. Ich musste mich um mich selbst kümmern, so gut es unter den Umständen möglich war.

 Ich begriff den Ort nicht, an dem ich mich befand, ich wusste nicht, wo ich war und was der Zweck des Ganzen war. Ich wusste nicht, dass die Straße, die meine Mutter entlanggegangen war, sie zur Tötung ins Krematorium geführt hatte, zusammen mit all den Kindern, den jungen Müttern mit Säuglingen in den Armen und den Großmüttern, die die Nazisoldaten vor meinen Augen weggeführt hatten. Ich hatte keine Ahnung, und deswegen hielt ich weiter durch und hoffte und glaubte, dass das alles eines Tages vorbei sein würde und ich wieder zu meiner Mama käme. Dass mein behinderter Vater keine Chance hatte, hatte ich schon begriffen, doch ich sagte mir immer wieder, dass meine Mutter überleben würde, dass wir wieder zusammen sein würden. Die ganzen Monate im Lager C und später in Deutschland hoffte ich weiter und blieb unwissend.

Jeden Morgen, wenn es noch dunkel war, ging ich in die Waschbaracke und zog mein Kleid und meine Schuhe aus. Ich wusch mich von Kopf bis Fuß mit kaltem Wasser und trocknete mich mit den Händen ab. Ich zog mein Kleid wieder an und legte mich bis zum Morgenappell wieder hin. Eines Nachts weckten mich ungewöhnliche Geräusche, ein Stöhnen, Weinen und Flüstern. Am nächsten Morgen sagte man mir, dass eine Frau ein Kind zur Welt gebracht hatte. Einige andere Frauen hatten ihr geholfen und das Baby danach fortgeschafft, um der Mutter das Leben zu retten. Ich begriff damals nicht, was vor sich ging.

Unser Leben im Lager C begann jeden Morgen mit dem Appell. Wir stellten uns in Fünferreihen vor den Baracken auf. Die SS-Wachmänner nannten uns die „Häftlinge“. Man befahl uns, uns aufrecht hinzustellen und uns weder zu rühren noch zu sprechen. So standen wir stundenlang da, bis die Zählung abgeschlossen war. SS-Wachen sorgten mit Peitschen dafür, dass wir diese Regeln einhielten. Manchmal, wenn die Zahlen nicht stimmten, wurde der Prozess wiederholt. Das war aufreibend. Manchmal wurde mir der ganze Körper taub. Wenn dieser Prozess vorüber war, hatten wir ein paar Stunden, bis am Nachmittag alles wieder von vorne begann.

Der Hunger war mein ständiger Begleiter. Jeder Block bekam einen Kübel, aus dem dann in Schüsseln oder kleine Töpfe geschöpft wurde. Die erste Person in der Fünferreihe nahm ein paar Schlucke und gab die Schüssel dann weiter, bis alles ausgetrunken war.

Am ersten Tag nach unserer dreitägigen Reise im Viehwagen ohne Essen oder Trinken hatte ich großen Hunger. Gierig beobachtete ich, wie das erste Mädchen in der Schlange von der Schüssel nippte. Sie brach in Tränen aus und trank nicht weiter, sondern gab die Schüssel der nächsten Person. Als ich an der Reihe war und davon trank, begriff ich warum. So eine Suppe hatte ich noch nie gekostet. Es war eine braune Brühe mit fast nichts darin. Kein Fleisch, keine Kartoffeln, keine Karotten, kein Gemüse oder sonst irgendetwas, das Nahrung ähnelte. Es schwammen kleine Ästchen darin herum, Kieselsteinchen und Sand. Es schmeckte abscheulich. Ich stellte mir vor, was meine Mutter sagen würde: „Trink, was auch immer an Nahrung da drin ist, wir dir helfen, zu überleben.“ Also würgte ich die furchtbare Brühe hinunter, während mir die Tränen hinunterrannen. Dies und ein Brocken dunklen Brotes mit einem winzigen bisschen Marmelade oder Käse war unsere tägliche Ration für die nächsten drei Monate. Wir waren am Verhungern. Manche von uns waren nicht in der Lage, die sogenannte ‚Suppe‘ zu trinken. Die wurden als erste krank und bekamen Durchfall, was sie so schwächte, dass sie bald nicht mehr laufen konnten. Sie gingen als erste zugrunde.

Eines Tages, als ich zwischen den Apellen herumlief, traf ich eine meiner liebsten Klassenkameradinnen, Mazso. Sie war ein talentiertes, süßes Mädchen, die in der Klasse hinter mir gesessen war. Zwei Jahre zuvor hatte ich sie in mein Poesiealbum schreiben lassen. Zusammen mit einer reizenden Tintenzeichnung hatte sie mir gute Wünsche hineingeschrieben. Sie sagte: „Hedy, ich muss dich um einen Gefallen bitten.“ Verwirrt sah ich sie an und fragte: „Was in aller Welt könnte ich denn tun?“

Sie sagte: „Erinnerst du dich an meinen Freund?“ Ich antwortete: „Ja, warum?“ Sie entgegnete: „Wenn du nach dem Krieg heimkommst, such ihn bitte und sag ihm, dass ich ihn sehr geliebt habe.“

Ich fragte: „Warum sagst du mir das? Du kannst es ihm doch selbst sagen, wenn du heimkommst.“

Sie blickte mich nur mit einem sanften Lächeln an und sagte: „Ich weiß, dass ich nicht mehr heimkomme. Ich werde es nicht schaffen, aber du schon.“ Und sie hatte recht.

Kurz darauf wurde ich selektiert und zur Arbeit in einer Fabrik aus dem Lager gebracht. Ich sah sie nie wieder. Die Selektionen durch SS-Offiziere und SS-Wachmänner fanden täglich statt. Hunderte Menschen wurden fortgebracht und nie wiedergesehen. Wir wussten nicht, was mit ihnen geschehen würde. Wir fragten uns, ob es besser war zu gehen oder zu bleiben. Konnte es noch schlimmer werden, oder wurde es vielleicht besser?

Die Monate vergingen mit endlosen Appellen, Selektionen und dem Hunger. Unser gedrängtes, unsicheres Dasein ging weiter. Eines Tages ging ich meine Tante Margit und ihre beiden Töchter Kato und Eva besuchen. Kaum war ich angekommen, ertönten Pfiffe für einen sofortigen Zählappell. Ich hatte keine Zeit, zu meinem Block zurückzugehen, also stellte ich mich dort auf. An diesem Tag wurde ich zusammen mit meinen Verwandten und ein paar Tausend anderen selektiert. Wir wurden sofort im Marschschritt aus dem Lager C geführt, um desinfiziert, geduscht, angekleidet und zum Abtransport bereitgemacht zu werden. Wir warteten eine lange Zeit und dann befahl man uns, wieder in Richtung Lager C zurückzugehen. Stattdessen aber wurde ein Tor gegenüber unserem geöffnet und wir marschierten in einen leeren Block. Man befahl uns, unsere Kleider auszuziehen und zurückzugeben, dann wurden wir ohne eine Erklärung und nackt, wie wir waren, eingesperrt. Verängstigt drängten wir uns einen ganzen Tag und eine ganze Nacht lang aneinander. Dann ließ man uns hinaus, wir bekamen unsere Kleider und wurden zum Bahnhof geführt. Dort befahl man uns, in die wartenden Viehwägen einzusteigen.

Das war gegen Ende August 1944. Ich weiß nicht mehr genau, wie lange es dauerte, bis wir unser Ziel erreichten, ich schätze ungefähr zwei Tage. Bei einem unserer Halte trennten sie den Zug und ließen etwa 500 Leute zurück, wir fuhren weiter. Wir hatten keine Ahnung, was den anderen bevorstand. Als der Zug anhielt, mussten wir uns in Fünferreihen aufstellen und zu unserem Ziel marschieren. Wir liefen zu einer Munitionsfabrik in der Nähe von Fallersleben, was heute zu Wolfsburg gehört.

Gegenüber der Fabrik war ein ausgebombtes Gebäude, dessen Keller noch intakt war. Das war unser Quartier und Zuhause für den Rest des Krieges. Wir waren Zwangsarbeiter. Am 14. April 1945 wurde ich von der amerikanischen Armee befreit. Ich war eine der wenigen, die Glück hatten.

Ich habe überlebt.

Hedy Bohm

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Zeugenaussage im Prozess gegen Reinhold Hanning: Bill Glied, 18.02.2016

Mein Name ist William Glied, aber jeder nennt mich Bill.

Ich wurde 1930 in der Stadt Subotica im ehemaligen Jugoslawien, heutigen Serbien, in eine wohlhabende jüdische Familie geboren.

Mein Vater betrieb die örtliche Getreidemühle, während meine Mutter sich um meine Schwester Aniko und mich kümmerte. Wir führten in Jugoslawien ein gutes Leben, ich besuchte die öffentliche Schule und erfuhr von meinen Klassenkameraden nie Antisemitismus.

Am 6. April 1941 griffen die Achsenmächte unter der Führung Deutschlands Jugoslawien an und eroberten es rasch.

Meine Stadt Subotica und meine Heimatprovinz Batschka wurden an Ungarn abgetreten und fortan von der faschistischen ungarischen Regierung beherrscht.

In den folgenden Jahren wurden viele, gegen die beachtliche jüdische Bevölkerung gerichtete antisemitische Gesetze verabschiedet. Ich durfte jedoch zur Schule gehen, was ich auch tat, trotz der ständigen Schikanen seitens meiner Lehrer und Klassenkameraden, ganz im Gegensatz zu den Jahren zuvor.

Ich musste einen großen gelben Stern auf meiner Jacke tragen, was bei meinen Mitschülern nur noch mehr Hohn und Spott auslöste.

Unsere Mühle wurde konfisziert und wir wurden täglich schikaniert und verfolgt. Dennoch gelang es uns, auch unter diesen schwierigen Umständen unseren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Im Frühjahr 1944 fand die deutsche Nazi-Regierung heraus, dass die Ungarn heimlich mit den Alliierten um einen Waffenstillstand verhandelten. Infolgedessen besetzten deutsche Truppen am 19. März 1944 Ungarn und setzten eine von Ferenc Szálasi und den Pfeilkreuzlern geführte Marionettenregierung ein.

Von diesem Moment an wurde das Leben der Juden, und somit auch meines, noch viel schlimmer.

In den nächsten paar Wochen wurden eine ganze Reihe antijüdischer Gesetze verkündet. Ich wurde von der Schule verwiesen und alle Juden standen von nun an unter einer strengen nächtlichen Ausgangssperre. Binnen weniger Tage war die ganze Stadt mit Anschlägen plakatiert, mit der Aufforderung an alle Juden, sich für die „sofortige Umsiedlung nach Osten“ bei der Polizeihauptwache zu melden.

Meine Familie wurde zuerst in die Stadt Szeged verfrachtet, wo wir in der ehemaligen jüdischen Schule untergebracht wurden, doch ein paar Tage später ging es schon weiter, nun in die Stadt Baja in Ungarn, in eine sehr große Ziegelei. Alle Juden aus den umliegenden Städten und Dörfern waren in diesem Hof versammelt, unsere Unterkunft bestand lediglich aus offenen Hütten, wo früher die Ziegel zum Trocknen ausgelegt wurden.

Ich weiß nicht, wie viele Tage wir in dieser Ziegelei verbrachten, aber es handelte sich um Tage, nicht Wochen. Ungarische Gendarmen und ein paar deutsche Offiziere bewachten uns.

Eines Tages wurde uns mitgeteilt, dass wir in ein paar Tagen zum Arbeitseinsatz nach Osten gebracht würden. Dabei versicherte man uns aber, dass nur die gesunden Männer arbeiten würden, dass wir anständig untergebracht und versorgt würden.

Man sagte uns, dass zwei Züge abfahren würden und wir uns aussuchen konnten, ob wir im ersten oder im zweiten Zug fahren wollten. Nach langem Hin und Her entschied sich meine Familie – meine Eltern und Verwandten – für den ersten Zug, in der Annahme, dass wir so eine bessere Auswahl an Unterkunft hätten.

Oh! Wie falsch! Die schreckliche Ironie unserer Wahl. Der zweite Zug fuhr nach Wienerneustadt! Alle Passagiere des zweiten Zuges, einschließlich einer Tante und einer Kusine, überlebten alles unbeschadet. Ich vermute, bin mir aber nicht sicher, dass das Teil der Abmachung zwischen Eichmann und Kasztner war.

An dem schicksalhaften Tag erwartete ich einen Personenzug, doch als er ankam, bestand er aus einer Reihe Viehwaggons. In diesen ersten Zug, in diesen finsteren Viehwägen wurden wir hineingepfercht wie Sardinen. Ich weiß nicht, wie viele von uns hineingezwängt wurden, Männer, Frauen, Kinder, Kranke, jemand im Rollstuhl, überall Pakete, drängelnde Menschen, die alle einen Platz suchten, wo sie sich hinsetzen konnten.

Meine Schwester und ich fanden in der Nähe der Tür einen Platz zum Hinsetzen und meine Eltern setzen sich gleich hinter uns auf den Koffer, den wir dabei hatten. Der Zug fuhr los und die ersten paar Stunden hatten meine Schwester Aniko und ich noch keine Schwierigkeiten, Mama hatte Essen mitgebracht, doch dann ergab sich im Viehwagen ein Problem: Jemand musste auf Toilette. Gab es denn einen Waschraum? Einen Vorhang? Einen Behälter?

Und in diesem schrecklichen Viehwaggon waren wir zwei Tage und Nächte lang, nichts zum Essen, kein Wasser, keine Rücksicht auf persönliche Hygiene. Nur Erniedrigung—nur eine neue Art, uns zu entmenschlichen. Der Zug hielt hin und wieder an, manchmal ein paar Stunden lang. Sie hätten uns versorgen oder den Waggon sauber machen können, aber nichts dergleichen geschah. Wir waren eingesperrt wie das Vieh, für das diese Waggons ursprünglich gedacht waren.

Am dritten Morgen blieb der Zug stehen. Es vergingen ein paar Stunden, dann hörten wir draußen Geräusche. Die Türen wurden aufgerissen. Ich blickte hinaus, es war ein heller, sonniger Morgen, der 28. Mai, um genau zu sein. Ich sah einen Bahnsteig aus Kies. Auf der anderen Seite standen Soldaten mit Gewehren vor einem Zaun, auf dem Gleis selbst liefen einige Nazi-Soldaten mit Gehstöcken herum – zumindest hielt ich es für Gehstöcke. Unter ihnen waren ein paar Männer mit kleinen runden Kappen in blaugrauen Schlafanzügen. Sie brüllten:

„RAUS. RAUS. Lasst euer Gepäck im Waggon. Das bekommt ihr später.“

Wir kamen aus dem Waggon gehetzt. Ich hielt Papas Hand und meine Schwester Aniko klammerte sich an Mama.

Das Chaos, der Tumult, der dann ausbrach, ist unbeschreiblich. Babies weinten, Frauen riefen nach ihren Männern, Leute stritten miteinander. Und über dem Ganzen hing dieser widerwärtige Gestank.

Die ganze Zeit über schlängelten sich SS-Leute durch die tosende Menge und hieben rabiat mit ihren Stöcken auf Leute ein, trennten Familien, schleusten uns wie eine Schafherde auf dem Weg zum Schlachthof. Ich hatte verzweifelte Angst. Ich klammerte mich an die Hand meines Papas, und als die Männer in den Schlafanzügen befahlen, dass die Frauen und Mädchen sich in Fünferreihen aufstellen sollten, und die Männer ebenfalls in einer anderen Fünferreihe, bekam ich Panik. Mein Papa versuchte, mich zu beschwichtigen, sagte mir, alles würde schon gut und ich müsse mich jetzt wie ein Mann verhalten und nicht wie der dreizehnjährige Junge, der ich war.

Als die Reihen endlich zur Zufriedenheit der Grau-Gestreiften aufgestellt waren, hörte ich von dieser verzweifelten Menge nur noch ein stetiges, qualvolles Stöhnen und Murmeln, durchsetzt mit Kinderweinen.

Jedes Mal, wenn ich eine lärmende Menschenmenge höre, sogar bei einem Fußballspiel, hallt mir dieses Geräusch heute noch in den Ohren wider und ich bekomme Platzangst.

Endlich begann sich meine Marschkolonne vorwärts zu bewegen und binnen weniger Minuten war unsere Reihe ganz vorne. Es herrschte Ruhe. Drei oder vier SS-Soldaten standen da, ganz entspannt, sahen uns lässig an. Einige der Männer in Schlafanzügen standen an der Seite. Ein Offizier fiel mir auf, er war groß und gut aussehend, aber an sein Gesicht kann ich mich nicht erinnern. Er stand da und sagte kein Wort.

Eine Reihe von uns verwahrlosten Juden kam an ihm vorbei. Er sah uns voller Verachtung an und zeigte dann auf die Person neben mir. Er winkte mit der Hand nach rechts, und der Mann ging zu einer Gruppe, die sich da bereits formiert hatte.

Dann sah er mich an – ich schwöre, nicht länger als eine Sekunde – sagte nichts, fragte nicht nach meinem Namen, meinem Alter, wo ich herkam. Er deutete nur nach rechts. Ich rührte mich nicht. Einer der Männer in Schlafanzügen fuchtelte frenetisch mit der Hand und sah mich dabei an. Ich hastete zu der Gruppe der Männer, die schon in einer Menschentraube beieinander standen. Eine Sekunde später kam mein Vater auch dazu.

Was war mit der Kolonne der Frauen geschehen? Alles war so schnell, so chaotisch gegangen, ich war gar nicht zum Nachdenken gekommen. Ich weiß nur, dass ich meine Mama und Schwester nie wieder gesehen habe – nie wieder. Ich habe mich nicht von ihnen verabschiedet, ich habe sie nicht umarmt oder geküsst. Sie sind für immer aus meinem Leben verschwunden.

Heute weiß ich es natürlich. Und in meinen Alpträumen sehe ich die Kolonnen immer wieder verschwinden.

Rückblickend, in meinen Gedanken, denen ich fast täglich nachhänge – und ja, diese Gedanken kommen mir jeden Tag – sehe ich dieses Stück gottverlassener Erde—diese Rampe als das schlimmste Stück Boden auf Erden. Schlimmer als Dantes siebter Höllenkreis. So schlimm die Bombardements von Hiroshima, Dresden oder London auch waren, diese Rampe, nicht größer als ein Fußballplatz, diese Hölle auf Erden übertrifft alles. Dieser Ort ist der stumme Zeuge des unglaublichen Ereignisses, dass eine kleine Gruppe Männer, unterstützt von ein paar Tausend SS-Männern, die den Ort bewachten, unschuldige Menschen zu einem schrecklichen Tode verurteilten. Sie verurteilten Kinder mit ihren Müttern, alte Männer, Frauen. Diese herzlosen Mörder entschieden mit einer Handbewegung, wer überlebte und wer starb. Kein Haftbefehl, kein Dokument, kein Richter, keine Geschworenen. Sie konnten eine Person verschonen, wenn sie ihnen gefiel, oder jemandem zum Tode verurteilen, weil er einen Zwirbelbart trug.

Keiner wurde zur Rechenschaft gezogen, solange er in der Fabrik des Todes seine Tagesquote an Leichen erfüllte.

Und so schlimm die Todesfabrik, die folgte, auch war, es war – wie Oscar Gröning es erst kürzlich sagte – einfach der „Prozess“, das Abwickeln eines vorbestimmten Schicksals, das von diesen paar SS-Männern auf der Rampe entschieden wurde.

Wie war es möglich, dass im zwanzigsten Jahrhundert Menschen aus der kultiviertesten europäischen Nation darauf aus waren, ein ganzes Volk auszulöschen, und dass es ihnen beinahe gelungen wäre.

Letztlich wurden wir in ein großes Gebäude geführt und uns wurde befohlen, uns auszuziehen. Wir standen nackt da—vor all diesen nackten Erwachsenen war ich schüchtern und peinlich berührt. Dann kamen die anderen „Schlafanzüge“ herein und schoren uns die Haare ab. Wir wurden in eine weitere große Halle geschleust. Auf den Balken über uns waren Duschköpfe installiert und bald kam heißes Wasser herausgeschossen. Ich versuchte, den ganzen Dreck von meinem Körper zu waschen, mein Papa half mir, aber es gab keine Seife, und das Wasser versiegte nach ein paar Minuten. Es gab keine Handtücher und wir wurden, nass wie wir waren, wieder ins Freie gescheucht, wo blaugraue Schlafanzüge auf langen Tischen auslagen. Nun begriff ich, dass es Uniformen waren, Jacke, Hose, Holzpantoffeln und eine kleine runde Mütze. Wir zogen die Sachen über unsere nassen Körper und man führte uns in eine leere große Baracke, wo wir die nächsten zwei Wochen wohnten.

Ich könnte stundenlang von den Schrecken sprechen, die mein Vater und ich in diesen kurzen Wochen in dieser Baracke entdeckt und erlebt haben.

Das Trauma, zu entdecken und zu begreifen, was den „Arbeitsunfähigen“ widerfuhr, die Gaskammern und Krematorien, und was meiner Mutter und Schwester und den anderen 18 nahen Verwandten passiert sein muss, die mit uns im Viehwaggon waren.

Der tägliche „Appell“, die wahllosen Prügel.

Einen kleinen Vorfall schleppe ich mit mir herum und werde das wohl für immer tun. Im größeren Zusammenhang von Auschwitz ist er völlig unbedeutend, doch er hat mein Leben verändert. Mein Vater und ich standen draußen auf der Lagergasse zwischen den Baracken, als ein SS-Offizier auf uns zukam, meinen Vater ansah und ihm mit voller Wucht mit dem Handrücken ins Gesicht schlug. „Wenn ich mich dir nähere, dann nimmst du gefälligst die Mütze ab, du Schweinehund.“ Und mein Vater stand da, nun mit der Mütze in der Hand, und entschuldigte sich. Mein Vater, zu dem ich aufschaute wie zu einem Gott, den alle, die ihn kannten, achteten und bewunderten, der nichts falsch machen konnte, stand da, geohrfeigt und gedemütigt.

Diesen Vorfall werde ich weder vergessen noch vergeben. Dieser Vorfall belastet mich jeden Tag und wird es bis an mein Lebensende.

Ich habe nur zwanzig Tage in Auschwitz/Birkenau verbracht, aber diese zwanzig Tage erschienen mir wie zwanzig Jahre. Wir wurden erneut in Viehwaggons verfrachtet und mitten nach Deutschland gebracht, nach Dachau, und von dort aus direkt nach Kaufering. Mein Vater und ich erkrankten beide an Typhus und mein Vater starb am 21. April 1945, acht Tage vor der Befreiung. Ich habe überlebt und wurde am 29. April 1945 in Dachau von der amerikanischen Armee befreit.

Als 17-jähriges Waisenkind wanderte ich 1947 nach Kanada ein. Ich bin mit einer wunderbaren Frau verheiratet, habe drei Töchter, die auch alle verheiratet sind, und acht Enkel.

Warum bin ich heute hier als Zeuge und Nebenkläger? Nicht aus Hass – ich kenne Herrn Hanning nicht. Ich kam her, weil ich zwar nicht hasse, aber auch nicht vergessen kann. Meine Hoffnung ist, dass die Verurteilung dieses SS-Offiziers helfen wird, die verbleibenden Holocaust-Skeptiker zum Schweigen zu bringen. Und dass die Welt erfährt, dass die Menschheit mitfühlt. Danke.

Zeugenaussage im Prozess gegen Reinhold Hanning: Irene Weiss, 18.02.2016

Meine Familie lebte in einer Kleinstadt in Ungarn. Mein Vater hatte ein großes Bauholzunternehmen. Wir waren eine Familie mit sechs Kindern im Alter von 7 bis 17 Jahren. Ich war ein dreizehnjähriges Schulmädchen.

Das Leben hatte sich für uns schon seit 1940 verändert, als Ungarn sich dem Dreimächtepakt mit Deutschland anschloss und die Nürnberger Gesetze einführte. Juden, die schon seit Generationen da lebten, mussten nur ihre Staatsbürgerschaft nachweisen. Das Unternehmen meines Vaters wurde von der Regierung enteignet und einem Nichtjuden übergeben. Wir mussten den gelben Stern tragen. Ich wurde der Schule verwiesen.

Im April 1944 wurde angekündigt, dass alle Juden sich am nächsten Tag am Rathaus zu versammeln hatten und nicht mehr als einen Koffer pro Person mitführen durften. Meine Mutter fing an, Proviant vorzubereiten, ohne zu wissen, wo wir denn hingingen. Sie nähte auch etwas Familienschmuck in Kleidungsstücke ein, mit dem Gedanken, dass sich der später gegen Essen für die Kinder tauschen ließe.

Am nächsten Morgen klopften der Bürgermeister, der Polizeichef und mein Schulrektor an die Tür. Sie verlangten unsere Wertsachen und mein Vater gab ihnen etwas Geld und Schmuck. Wir verließen unser Haus, mein Vater schloss das Tor hinter uns ab, damit unser Hund uns nicht hinterherlief.

Zusammen mit den ungefähr 100 anderen Juden unserer Stadt brachte man uns zu einer verlassenen Ziegelfabrik in der Stadt Munkacs, die einige Kilometer entfernt lag. Dort befanden sich bereits hunderte jüdischer Familien aus umliegenden Städten.

Dort blieben wir etwa einen Monat, wir schliefen auf dem überfüllten Fabrikboden. Unser Proviant von zu Hause war bald aufgebraucht und wir waren auf die tägliche Suppenration angewiesen. Eines Tages wurde verkündet, dass allen Mädchen unter 16 der Kopf geschoren werden müsse, sonst würden ihre Väter verprügelt. Meine Mutter gab mir einen Schal, mit dem ich meinen frisch geschorenen Kopf bedeckte.

Mitte Mai 1944 kam ein Frachtzug auf den Gleisen neben der Fabrik an. Über Lautsprecher wurde angesagt, dass wir alle einsteigen mussten. Keiner sagte uns, wohin es ging.

Von Wachmännern flankiert kämpfte meine Familie zusammen zu bleiben, und es gelang uns, mit etwa 80-100 weiteren Menschen in denselben Waggon einzusteigen. Der Sittsamkeit halber gingen die Männer auf eine Seite und die Frauen auf die andere. Ein Wachmann schmetterte die Tür zu und verriegelte sie von außen. Mit einem Mal war es stockfinster. Nur durch einen kleinen Schlitz im oberen Eck des Waggons drang ein wenig Luft und Licht zu uns. Stunden später fuhr der Zug los.

In der Mitte des Waggons stand ein Eimer für die Notdurft. Stunden vergingen, zwei Nächte und ein Tag. Der Eimer wurde voll. Mein Vater spähte durch den Schlitz und bestätigte unsere schlimmsten Befürchtungen: der Zug fuhr nach Polen. Wir hatten Gerüchte über Massenerschießungen jüdischer Familien in den Wäldern des von den Nazis besetzten Polen gehört. Von Auschwitz hatten wir noch nie gehört.

Endlich hielt der Zug am Morgen des dritten Tages an. „Wir sind in einer Art Lager“, sagte mein Vater. „Es gibt Baracken und uniformierte Gefangene. Es muss ein Arbeitslager sein.“ Wir waren erleichtert. Die Gerüchte hatten nicht gestimmt: Wir würden nicht in einem polnischen Wald erschossen.

Als die Zugtüren aufgingen, hörten wir Gebrüll: „Raus! Raus! Schnell! Lasst alle eure Sachen drin!“ Als meine Mutter das hörte, holte sie noch mehr Kleidung heraus und sagte uns, wir sollten uns noch ein paar Schichten überziehen. Ich hatte ja bereits einen Schal auf dem Kopf und zog mir noch einen viel zu großen Wintermantel an.

Hunderte Menschen kamen aus dem Zug geströmt. Gefangene in gestreiften Uniformen sprangen in die Waggons und begannen, die Koffer und Habseligkeiten auf den Bahnsteig zu hieven und dann in Laster zu verladen.

Auf dem Bahnsteig stand meine Familie aneinander geklammert, versuchte, in dem drängelnden, lärmenden Wirrwarr zusammenzubleiben. Bewaffnete SS-Wachmänner beförderten die riesige Menge voran, den Bahnsteig entlang.

Ein SS-Wachmann schrie: „Männer auf eine Seite, Frauen und Kinder auf die andere!“ Augenblicklich verschwanden mein Vater und mein 16-jähriger Bruder in eine Marschkolonne von Männern auf der einen Seite. Ich sah sie nie wieder.

Meine Mutter, meine ältere Schwester Serena, 17, meine kleine Schwester Edith, 12, meine zwei kleineren Brüder und ich schlossen uns der Kolonne der Frauen und Kinder an. In der Entfernung wallte Rauch aus einem Schornstein auf. Die Reihe bewegte sich langsam voran. Als wir vorne ankamen, versperrten zehn oder mehr SS-Wachmänner uns den Weg. Einer hielt einen kleinen Stock.

Der SS-Mann mit dem Stock bedeutete meiner älteren Schwester, Serena, sie solle auf eine Seite gehen, und sie ging eine Straße in diese Richtung entlang und verschwand aus meinem Sichtfeld.

Der Wachmann hieß meiner Mutter und meinen zwei kleinen Brüdern, auf die andere Seite zu gehen, und sie verschwanden ebenso. Nur meine jüngere Schwester Edith und ich blieben übrig. Der Stock ging zwischen uns beiden nieder.

Edith wurde in die Richtung geschickt, in die meine Mutter gegangen war. Der SS-Wachmann sah mich an und zögerte einen Augenblick. Obwohl ich erst 13 war, wirkte ich mit meinem Kopftuch und Mantel wohl älter. Er wies mich in die Richtung, in die Serena und die anderen jungen Erwachsenen gingen und wandte dann seine Aufmerksamkeit den Frauen und Kindern zu, die hinter mir in der Schlange standen.

 Irene (zweite Frau von Links mit einem Kopftuch) sucht während der Selektion auf der Rampe nach ihrer Schwester.

Irene (zweite Frau von Links mit einem Kopftuch) sieht nach der Selektion auf der Rampe hinter ihrer kleinen Schwester her, von der sie bei der Selektion getrennt wurde. Sie ist in Sorge ob die Schwester in der für den Tod selektierten Menschenmasse den Anschluss an die Mutter schafft. (Zum Bild in hoher Auflösung)

Ich rührte mich nicht. Ich lehnte mich nach vorne, spähte in die Menge und versuchte auszumachen, ob Edith meine Mutter und kleinen Brüder eingeholt hatte. Frauen und Kinder gingen weiter in diese Richtung. In der sich schnell bewegenden Menge war es unmöglich zu sehen, was mit Edith passiert war. Während wir so getrennt wurden, nahmen wir ganz normal an, dass dies hier ein Arbeitslager war und wir unsere Familien bald wieder sehen würden. Ich war entsetzt bei dem Gedanken, dass Edith unsere Mutter vielleicht nicht fand. Niemand hatte Namen oder Personendaten aufgenommen. Sie wäre verloren, allein unter Fremden.

Unsere Familie hatte so sehr versucht, zusammenzubleiben, die älteren Kinder hatten sich um die jüngeren gekümmert. Jetzt waren wir völlig auseinander gerissen. Das Trauma dieser Trennung haftet heute noch an mir.

Die SS-Wachen forderten mich mit einer Geste auf, loszugehen, und ich rannte los und holte Serena ein. „Warum bist du nicht mit Mama mitgegangen?“, fragte sie.

Serena und ich wurden in ein Badehaus geschickt, wo neu angekommene Frauen geschoren, desinfiziert und mit Häftlingskleidung ausgestattet wurden. Dann wurden wir in eine Baracke mit etwa 200 anderen Frauen gebracht. Wir wussten immer noch nicht, wo wir waren. Wir fragten die anderen Gefangenen: „Wann sehen wir unsere Familien?“

Eine Frau deutete auf den Schornstein und sagte. „Seht ihr den Rauch? Da ist eure Familie.“

Ich dachte—„Warum würde jemand denn so etwas sagen?“

Serena und ich wurden einer Pritsche zugewiesen – im Grunde war es ein breites Holzregal. Sechs von uns teilten sich eine dünne Decke. Keine von uns fand Schlaf. Meine Schwester sagt, ich hätte tagelang geweint.

Jeden Morgen wurden wir vor Tagesanbruch zum „Zählappell“ geweckt. Wir mussten uns in der Morgenkälte aufstellen, fünf in einer Reihe, und standen stundenlang da, während wir gezählt wurden. Das war auch noch eine Gelegenheit für die SS-Wachleute, kränkelnde Frauen und Kinder herauszuziehen, die sie an der Auswahlrampe übersehen hatten. Das war für mich ein sehr gefährlicher Augenblick, weil ich erst 13 und klein war. Ich versuchte, mich auf einen Stein zu stellen, damit ich etwas größer wirkte und ich kniff mir die Wangen, damit ich etwas rosiger und gesünder aussah.

Aus reinem Glück entdeckten wir in einer Baracke in der Nähe die beiden Schwestern meiner Mutter, Roszi und Piri. Ihre liebevolle Hingabe beschützte und beschirmte uns an diesem schrecklichen Ort.

Nach einem Monat tätowierte man uns Nummern auf die Arme. Kurz darauf schickte man uns zur Arbeit in der Nähe des Krematoriums 4 in einer Lagerungs- und Abwicklungszone, die die Gefangenen „Kanada“ nannten. Dort sortierten wir Berge von Kleidern, Schuhen, Bettzeug, Brillen, Zahnbürsten, Kinderwägen, Koffern, Büchern, Töpfen und Pfannen und alle erdenklichen Haushaltsgegenstände aus. Man befahl uns, jegliche Wertgegenstände, die wir fanden, auszuhändigen.

Eines Tages, während ich Kleidung aussortierte, fand ich das weiße Kleid und den beigen Schal meiner Mutter.

Wir arbeiteten Tag und Nacht im Freien, brachten die Gegenstände aus der Witterung in die Baracken. Doch die Laster brachten immer mehr Sachen vom Gleis und den Krematorien und die Haufen wurden nie kleiner. Sie reichten bis zum Dach der Baracken. Wenn wir die Sachen erst einmal in die Baracken sortiert hatten, bündelten wir sie. Dann kamen männliche Häftlinge und luden sie auf Laster.

Es war offensichtlich, dass wir den SS-Wachmännern noch weniger wert waren als Sklaven, dass wir Untermenschen waren und dass sie in jedem beliebigen Augenblick, aus jedem noch so banalen Grund, oder auch völlig grundlos, über unser Leben und Tod walten konnten. Eines Tages war ich mit einer Gruppe Frauen im Badehaus, als ein SS-Wachmann hereinkam. Die nackten Frauen huschten beiseite und machten ihm Platz, als er plötzlich im Vorbeigehen auf uns einpeitschte. Gab es einen Grund? Er tat es, weil er es konnte. Ich erinnere mich auch daran, dass man uns von einem Teil des Lagers zu einem anderen marschieren ließ, als plötzlich ein Wachmann seinen Hund auf Tante Rozi hetzte. Nach einem schrecklichen Moment rief er den Hund zurück. Die anderen Wachen sahen zu und lachten.

Weil wir neben den Gaskammern und Krematorien wohnten und arbeiteten, weiß ich aus erster Hand, was unseren Familien widerfahren ist. Tag und Nacht sind Kolonnen von Frauen, Kindern und älteren Menschen an unserer Baracke vorbeigekommen und in dem Tor verschwunden, das zu den Gaskammern führte.

Viel später, 1982, als ich zum ersten Mal das Bild von dem Auschwitz-Album sah, auf dem ich bei der Selektion zu sehen bin, fand ich durch ein weiteres Bild auch heraus, was meiner Mutter und meinen zwei kleinen Brüdern passiert ist:

Ihre zwei Brüder (links) und ihre Mutter (dahinter kniend) warten im Birkenwäldchen in der nähe der Gaskammer.

Irenes zwei Brüder Reuven und Gershon (links) und ihre Mutter Leah (dahinter kniend) warten im Birkenwäldchen in der Nähe der Gaskammer auf ihre Ermordung. (Zum Bild in hoher Auflösung)

Meine Brüder Reuven, 9 Jahre alt, und Gershon, 7 Jahre alt, stehen unten links. Meine Mutter Leah, 44 Jahre alt, sitzt gleich hinter ihnen. Sie warten zusammen mit anderen bei ein paar Bäumen gleich vor den Krematorien 4 und 5. Meine kleine Schwester Edith ist nicht im Bild. Ich muss annehmen, dass sie die anderen nicht eingeholt hat und ganz alleine war. Bis heute verursacht mir diese Erkenntnis großen Schmerz. Kurz nachdem dieses Foto gemacht wurde, wurde jeder auf dem Bild in den Gaskammern umgebracht.

Wenn ich nachts draußen in Kanada arbeitete, hallten alle Geräusche so viel lauter wider. Erst hörte ich den Zug pfeifen, dann die Dampflok zischen, wie sie auf dem Bahnsteig einfuhr. Die Menschen, die aus den Zügen ausstiegen, sahen das Feuer der Öfen und der offenen Gruben, in denen die Leichen verbrannt wurden, und begannen zu schreien und zu beten. Ich hielt mir die Ohren zu, damit ich es nicht hören musste. Dann wurde es still. In der Entfernung hörte ich den nächsten ankommenden Zug pfeifen. Die Transporte kamen Tag und Nacht.

Im Januar 1945, als die Russen nahten, führte man uns auf einen Todesmarsch von Auschwitz nach Deutschland. Wer Rast machte oder vor Erschöpfung umkippte, wurde auf der Stelle erschossen. Bis wir in Ravensbrück und dann in Neustadt-Glewe ankamen, waren wir krank und abgezehrt. Meine Tante Piri erkrankte an Typhus und wurde von einem Laster fortgeschafft und getötet. Kurz darauf wurde auch Serena zur Tötung ausgewählt. Als mir bewusst wurde, dass wir getrennt werden sollten, sagte ich: „Ich bin ihre Schwester!“ Man sagte mir: „Dann komm du auch mit.“

Wir wurden mit anderen ausgewählten Frauen in ein Zimmer gebracht, wo wir auf den Laster warteten, der uns zu unserer Tötung bringen sollte. Der Laster kam nie, vielleicht wegen der nahenden russischen Front und dem sich daraus ergebenden Chaos. Bald darauf flohen die Wachen und die verbleibenden Überlebenden drifteten aus dem Lager.

In den Jahren seit Auschwitz habe ich nie über meinen Vater gesprochen. Ich sagte immer nur, dass er nicht überlebt hat. Ich konnte es nicht ertragen, darüber zu sprechen, wie er starb.

Er war ein liebevoller, sanftmütiger, gütiger Mensch. Als wir klein waren, brachte er uns auf unterhaltsame Weise das hebräische Alphabet bei, damit wir unsere Gebete lesen konnten. Unsere Wohnzimmerdecke hatte Holzbalken mit Astlöchern darin. Er befestigte eine Münze auf einem Besenstiel, und wenn wir unsere Lektion gut machten, hob er den Besenstiel zur Decke und fuhr damit über ein Astloch im Balken, sodass die Münze herabfiel, als käme sie aus dem Himmel. Wir Kinder waren davon verblüfft und verzückt; wir rannten mit den Münzen zum Händler auf der anderen Straßenseite und kauften uns etwas Süßes. Jeden Abend, wenn er von der Arbeit heimkam, umringten wir Kinder ihn und er schenkte uns allen seine Aufmerksamkeit und seine Liebe. Sein ganzes Leben drehte sich nur um seine Familie und seinen Glauben.

Das war mein Vater, 47 Jahre alt, der bei seiner Ankunft in Auschwitz zur Arbeit in einem Sonderkommando gezwungen wurde. Diese Arbeit bestand darin, Leichen aus den Gaskammern zu zerren. Dass er in diesem Sonderkommando war, erfuhren wir von einem jungen Mann aus unserer Stadt. Er steckte uns einen Zettel zu, über einen elektrischen Zaun hinweg, der uns vom Krematorium 4 trennte. Auf diesem Zettel stand, dass Vater kurze Zeit, nachdem er für diese Arbeit eingesetzt wurde, erschossen worden war.

Was aus meinem 16-jährigen Bruder geworden ist, haben wir nie erfahren… Von meiner achtköpfigen Kernfamilie haben nur ich und Serena überlebt. Meine dreizehn Cousins und Kusinen sind alle mit ihren Müttern umgekommen. Wann immer ich unmittelbar nach dem Krieg Kinder sah, blieb ich stehen und starrte sie an. Ich hatte fast eineinhalb Jahre lang keine Kinder mehr gesehen. In der Welt, aus der ich kam, wurden Kinder zum Tode verurteilt.

Zum Tode verurteilt, doch was war ihr Vergehen? Selbst als Dreizehnjährige wusste ich, dass uns keine Schuld traf, dass nicht wir die Verbrecher waren. Die SS-Wachmänner, die Familien zerrissen, die Mütter und Kinder in die Gaskammern trieben, die unschuldige Zivilisten versklavten und aushungerten, die diese Todesfabrik am Laufen hielten, die sind des Massenmords schuldig.

Der Angeklagte argumentiert vielleicht, dass er nur ein kleines Rädchen in der Maschine gewesen sei. Aber wenn er heute hier in seiner SS-Uniform dasäße, würde ich vor Furcht zittern, und all die Schrecken, die ich als Dreizehnjährige erlitten habe, kämen wieder in mir hoch. Für diese Dreizehnjährige verkörperte jegliche Person in dieser Uniform Terror und die Abgründe, in die ein menschliches Wesen sinken kann, egal welche Funktion sie erfüllten. Und heute, im Alter von 85 Jahren, empfinde ich das immer noch genauso.

Zeugenaussage im Prozess gegen Reinhold Hanning: Max Eisen, 18.02.2016

Mein Name ist Tibor Eisen, man nennt mich auch als Max. Ich sage hier heute als Zeuge der Gräueltaten, Schrecken und Entbehrungen aus, die ich in Auschwitz I und Auschwitz II-Birkenau vom Mai 1944 bis zum Januar 1945 erlebt habe. Ich bin am 15. März 1929 in Moldava nad Bodvou in der Tschechoslowakei geboren. Ein Jahr vor dem Krieg wurde das Gebiet, in dem ich lebte, Ungarn angeschlossen. Wie die meisten ungarischen Juden war ich vor der ‚Endlösung‘ der Nazis relativ abgeschirmt, bis zum letzten Kriegsjahr, als die Massendeportation der ungarischen Juden nach Auschwitz begann.

Ich war fünfzehn, als ich im Mai 1944 deportiert wurde – zusammen mit meiner ganzen Kernfamilie und den anderen 450 Juden, die in meiner Heimatstadt lebten. Man brachte uns zu einer Ziegelei in der Stadt Kassa (Košice). Von dort aus wurden wir in Viehwägen geladen. In jeden Wagon wurden ungefähr 100 Menschen gezwängt, und ich musste die gesamte, zwei Nächte und drei Tage lange Fahrt hindurch stehen. Es gab einen Eimer mit Wasser und noch einen zweiten, den wir als Gemeinschaftstoilette benutzten. Das Wasser war fast sofort aufgebraucht und der Eimer wurde nie nachgefüllt. Der andere Eimer schwappte bald über und die Brühe aus Urin und Kot floss über den ganzen Boden des Viehwaggons. Der Gestank, das körperliche Unbehagen, und all seiner Sinne derart beraubt zu sein – das war eine zutiefst entmenschlichende Erfahrung. Zwei Menschen starben in unserem Waggon und wir mussten ertragen, die Reise über ihre Leichen mitten unter uns zu haben. Ich konnte meine Mutter nicht sehen, die meine kleine Schwester Judit noch stillte. Meine beiden jüngeren Brüder konnte ich auch nicht sehen, weil sie zwischen den größeren Menschen verborgen waren. Wir waren voneinander getrennt, konnten nicht miteinander sprechen. Ich weiß noch, dass ich im Stehen eingeschlafen bin, hypnotisiert vom Rattern der Räder auf den Gleisen. Plötzlich weckte mich das Pfeifen der Lok. Ich glaubte erst, ich hätte schlecht geträumt. Doch der Alptraum war die Wirklichkeit.

Als der Zug anhielt, hörte ich, wie die Türen der anderen Viehwaggons geöffnet wurden und dachte, meine Qual sei vorbei. Ich glaubte, dass es wohl nicht schlimmer kommen konnte als das, was ich gerade ertragen hatte. Als unsere Tür aufging, flutete Licht herein und ein Häftling in einer gestreiften Uniform und Mütze brüllte uns an: „RAUS, SCHNELL!“ Wir standen alle auf wackeligen Beinen, waren kaum noch am Leben, gerädert und schwach. Nach dieser aufreibenden Reise waren wir niedergeschlagen, verwirrt und sowohl körperlich als auch geistig erschöpft. Das Verhalten der SS-Männer am Bahnsteig täuschte; sie erweckten den trügerischen Eindruck, alles sei in Ordnung; deswegen bewahrte unsere Gruppe die Ruhe. Ihre Uniformen mit den verschiedenen SS-Insignien und dem Totenkopf auf ihren Mützen verliehen ihnen grenzenlose Macht. Das brutale System fand hier erbarmungslosen Rückhalt.

Meine Familie und ich hatten nur eine oder zwei Minuten zusammen am Bahnsteig, und ich war so froh, meine Mutter und meine zwei Brüder zu sehen. Meine kleine Schwester rührte sich nicht, vermutlich, weil meine Mutter sie nicht hatte stillen können. Wir waren von dem Schock der Reise noch ganz benommen, verwirrt von den barschen Befehlen, die gebellt wurden. Meine Mutter, die sich ganz offensichtlich um unser Wohlergehen sorgte, strahlte immer noch Stärke und Hoffnung aus.

Auf einer Seite des Bahnsteigs loderten Flammen und Rauch auf, und ich dachte, es sei eine Art Fabrik. Ich roch brennendes Fleisch. Hinter dem gleißend hell erleuchteten Bahnsteig lag alles in Finsternis. Die Männer in den gestreiften Anzügen teilten uns mit, dass uns unsere Bündel morgen ausgehändigt würden. Gewaltsam und systematisch trennten sie die Männer und Frauen in zwei Reihen. Alle älteren Männer und Kinder wurden in die Reihe der Frauen hinüber geschickt. Die Männer in den gestreiften Anzügen versicherten uns immer wieder, dass wir uns am nächsten Morgen sehen würden. Keiner verabschiedete sich.

Ich stand mit meinem Vater und meinem Onkel in der Reihe der Männer. Mein Großvater, meine Großmutter, meine Mutter (die immer noch das Baby Judit in Armen hielt), meine zwei kleinen Brüder und meine Tante wurden im Marschschritt weg geführt. Alles ging so schnell, dass wir keine Zeit hatten, klare Gedanken zu fassen. Die Kapos sagten uns, dass wir am nächsten Tag wieder vereint würden. Ich hatte keine Gelegenheit, mit meiner Mutter zu sprechen, wir hatten noch nicht einmal Blickkontakt, und ich konnte ihr keine letzten Worte mehr sagen. Später erfuhr ich, dass meine Mutter, Großeltern und Geschwister alle im Krematorium II vergast worden waren.

Mein Vater, Onkel und ich bewegten uns im Gänsemarsch auf einen SS-Offizier zu, der weiße Handschuhe trug. Er sah sich jeden an, bedeutete mit einer Handbewegung, ob man nach rechts oder nach links gehen sollte. Mein Vater ging zuerst, dann mein Onkel, dann war ich an der Reihe. Er sah mich an und schickte mich in die gleiche Gruppe wie meinen Vater und Onkel. Von SS-Soldaten bewacht marschierten wir durch einen Birkenwald, zusammen mit den anderen Männern, die von unserem Transport ausgewählt worden waren. Wir betraten ein Gebäude, das man die „Sauna“ nannte und wo noch weitere dieser Männer in gestreiften Anzügen uns befahlen, jegliche verbleibenden Dokumente oder Schmuck auszuhändigen und uns nackt auszuziehen. Die Kleider nahmen sie uns weg, die Stiefel durften wir behalten.

            Der nächste Abwicklungsschritt in der „Sauna“ bestand darin, dass die Häftlinge in den gestreiften Anzügen uns die Köpfe, die Achselhöhlen und den Schambereich schoren. Auf ihre Jacken waren Stoffstreifen mit Zahlen und Dreiecken aufgenäht. Der Mann, der in dieser Einheit das Sagen hatte, trug einen Ärmelstreifen mit dem Wort Kapo (das hieß Chef). Der Kapo ließ die Älteren in einer Reihe aufstellen und seine Männer sahen nach, ob die Neuankömmlinge goldene Kronen oder Zahnfüllungen hatten. Wer welche hatte, wurde sofort beiseite genommen und ihm wurden auf der Stelle mit einer Zange die Zähne gezogen. Dann mussten wir uns bücken und es wurde nachgesehen, ob wir irgendetwas im After versteckt hatten.

            Als nächstes kamen die Duschen. Ich hatte in meinem Leben noch keine Dusche gesehen und war von der Anlage völlig beeindruckt. Es gab zahlreiche Duschköpfe und große Räder, mit denen der heiße und kalte Wasserfluss geregelt werden konnte. Obwohl ich zu Hause schon einmal in einer Mikwe (einem rituellen Bad) gewesen war, war ich doch davon eingeschüchtert, nackt vor einer großen Gruppe ebenso nackter Fremder zu stehen. Wir mussten während der Dusche unsere Stiefel auf der Seite abstellen, und wir ließen sie nicht aus dem Auge, weil wir maßgefertigte Stiefel hatten, die noch lange halten würden. Plötzlich fingen der Kapo und seine Gehilfen an, unsere Stiefel einzusammeln. Als mein Vater das sah, warnte er uns, und wir schnappten uns unsere Stiefel und hielten sie unter den Armen, während wir duschten. Ohne Stiefel wären wir in noch größerer Lebensgefahr gewesen. Wer seine Stiefel verlor, bekam mit etwas Glück ein paar Holzpantoffeln. Eigentlich waren es keine Pantoffeln, sondern vielmehr ein 5 x 10 cm großes Stück Holz mit einem angeheftetem Stück Leinen. Unsere Stiefel hüteten wir rund um die Uhr wie unseren Augapfel.

Im Duschraum kam die Grausamkeit der SS-Wachmänner erstmals ans Licht. Während wir duschten, stand ein SS-Mann bei einem der großen Räder, die die Wassertemperatur regelten, und er stellte auf siedend heiß, nur zum Spaß. Als wir heraussprangen, um nicht verbrüht zu werden, prügelte uns ein anderer Soldat mit einem Knüppel wieder zurück unter die Dusche. Dann drehte er das eiskalte Wasser auf. Ein junger Mann, der mit uns duschte, hielt seine Brille in den Händen. Sie hatte sehr dicke Gläser, er war offensichtlich sehr kurzsichtig. Der Wasserschwall riss ihm die Brille aus den Händen, und als er sich hinkniete, um sie zu finden, kam ein SS-Wachmann zu ihm hinüber und trat ihm mit seinen schweren Stiefeln in die Schläfe. Der junge Mann rollte auf die Seite, und der Wachmann stampfte weiter auf seine Brust ein. Ich konnte seine Rippen krachen hören. Der Wachmann, nun völlig in Rage, trat und stampfte weiter auf den Mann ein, bis er tot war. Wir anderen duschten weiter, als wäre nichts geschehen, doch ich war erschüttert und entsetzt. Bis heute begreife ich nicht, was diese schreckliche Tat des Wachmanns ausgelöst hat. Vielleicht fand er es lustig, einen nackten Mann auf allen Vieren zu sehen und wollte ihn noch weiter erniedrigen.

Nachdem die Abwicklung in der Sauna fertig war, wurden wir in eine Baracke geführt, immer noch nackt, wo mir die mittlere Pritsche eines dreistöckigen hölzernen Stockbetts ohne Matratze oder Decke zugewiesen wurde. Nach der Tortur, drei Tage und zwei Nächte an derselben Stelle im Viehwagen stehen zu müssen, erschien mir diese Pritsche geradezu ein Luxus. Vor Erschöpfung schlief ich auf der Stelle ein.

Wir erwachten früh am nächsten Morgen und uns wurde befohlen, uns draußen vor der Baracke aufzustellen, wo ich Auschwitz II-Birkenau zum ersten Mal richtig sah. Es war ein heller, sonniger Morgen. Zwei Häftlinge brachten einen Kanister mit heißem Tee heraus, und wir stellten uns an, um Schüsseln (wir nannten sie Shissels) mit einem Schöpflöffel voll Tee zu bekommen. Das war seit drei Tagen mein erster Schluck Flüssigkeit. Mein Vater fragte die Männer, die den Tee ausschenkten: „Wann sehen wir unsere Familien?“ Der Häftling lachte nur und fragte meinen Vater: „Wo kommt ihr denn her?“ Mein Vater antwortete: „Wir sind gestern Nacht aus Ungarn angekommen.“ Der Häftling sagte: „Es ist 1944 und du weißt nicht, was das hier ist? Eure Familien sind durch den Schornstein gegangen.“ Mein Vater befragte ihn weiter, aber ich konnte das Gespräch nicht verstehen. In meiner Naivität fragte ich mich noch, wie ein Mensch denn bitte sehr durch den Schornstein gehen kann. Bald erfuhr ich, dass man so die Massentötungen im Lager beschrieb.

Man tätowierte uns eine Nummer auf. Mein Vater hatte die A9891, ich die A9892 und mein Onkel Jeno die A9893. Wir bekamen eine gestreifte Uniform, bestehend aus Mütze, Jacke und Hose. Wir hatten weder Unterwäsche noch Socken, Toilettenpapier, Zahnbürsten oder sonst irgendetwas, womit man sich hätte pflegen können. Wir hatten keinen Spind, wo man etwas hätte aufbewahren können. Was auch immer wir noch besaßen, trugen wir Tag und Nacht am Körper.

Etwa hundert von uns wurden zur Feldarbeit ausgewählt und man ließ uns die Straße nach Auschwitz I entlangmarschieren. Dort wurden wir einem Kapo namens Heindrich übergeben, einem mörderischen Psychopathen aus einem deutschen Gefängnis. Heindrich stellte sich vor und teilte uns mit, dass wir nun dem Landwirtschaftskommando angehörten. Der Unter-Kapo hieß Stasek und war ein politischer Häftling aus Polen, der Kommandant war Unterscharführer Kuntz, ein Österreicher. Die ersten paar Tage in diesem Kommando mussten wir mit Sicheln Senfpflanzen ernten, bis zu zehn Stunden am Tag. Meine Hände bekamen Blasen, platzten auf und bluteten. Uns wurden auch andere Schwerstarbeiten aufgetragen, sie aufzuzählen, würde zu lange dauern.

Ich überlebte mit 300 Kalorien pro Tag, bestehend aus einer Tasse Tee am Morgen, einen Schöpflöffel voll wässriger Suppe zu Mittag und einer Tasse Ersatzkaffee, einer dünnen Scheibe Brot und einem winzigen Stück Margarine zu Abend. Diese Kost nahm uns alle schwer mit. Wir magerten schnell ab, bekamen Hungerödeme, und wären mein Vater und Onkel nicht bei mir gewesen, hätte ich nicht einmal die erste Woche überstanden. Ich erduldete die ständige Last der schweren Arbeit, die Prügel, die mangelnde Ernährung, und einen Körper, der nicht mehr mitmachte. Während der Schinderei des Tages bekamen wir keine Flüssigkeit. Ich sah, wie junge Männer um die Zwanzig zusammenbrachen. Sie konnten bei dieser Kost nicht überleben und gaben einfach auf. Der Hunger trieb manche in die Verzweiflung – Entmenschlichung durch Aushungern. Eines Tages bei der Suppenausgabe rauften mehrere Häftlinge miteinander, um sich in den Kessel zu stürzen und den letzten Tropfen zu bekommen. Da habe ich für mich entschieden, dass ich mich nie so gehen lassen würde, komme was wolle.

An einem anderen Tag, als wir von der Arbeit zurückkamen, sah ich meinen Vater und Onkel innerhalb des Tors auf mich warten, wie immer. Meine Einheit kam abends immer als Letzte zurück und ich sah sie immer da stehen und auf mich warten. Manchmal gelang es ihnen, bei einem Arbeitseinsatz ein Stück Brot oder eine Kartoffel abzustauben, und sie teilten ihr Glück immer mit mir. Wenn die Arbeitseinheiten von ihrer täglichen Arbeit zurück ins Lager marschierten, prüfte der diensthabende SS-Unteroffizier am Tor die Gefangenen, ob jemand etwas in der Jacke oder Hose hineinschmuggelte. Wenn sich jemand irgendwie verdächtig verhielt, brüllte er dem Häftling einfach zu, er solle die Hände heben und er zog ihm die Jacke hoch. Wenn der Häftling irgendetwas unter die Achseln geklemmt hatte, fiel es heraus. Die SS holte dann den Schmuggler sofort aus der Reihe und vermerkte seine tätowierte Nummer und Baracke. Später dann beim Appell erfolgte die Bestrafung: manchmal waren es Peitschenhiebe, manchmal wurde man einem Strafkommando zugewiesen. Trotz all dieser Strafen gingen die Häftlinge immer das Risiko ein, etwas ins Lager zu schmuggeln, wenn sie etwas fanden. Wir hielten stets Ausschau nach Gegenständen, die unsere Überlebenschancen erhöhen konnten. Wir nannten das „organizuj“ – organisieren.

An jenem Tag arbeitete ihre Einheit in der Nähe einer Baracke, die „Kanada“ hieß (dort wurden die Habseligkeiten der ermordeten Häftlinge aufbewahrt und aussortiert) und ein Mädchen aus unserer Stadt hatte meinen Vater erkannt und ihm ein in Stoff gehülltes Stück Speck zugesteckt. Mein Vater hatte es unter seiner Jacke ins Lager geschmuggelt. Er ließ das Stück Speck unter meine Jacke schlüpfen, während wir dicht beieinander standen. Mein Onkel gab uns mit seinem Körper Deckung, damit niemand die Übergabe mitbekam. Ich war verblüfft, ein Stück Speck in der Hand zu halten. Wir stammten aus einer traditionellen orthodoxen Familie, wir aßen kein Schweinefleisch, und doch sagte mein Vater mir, ich müsse jeden Tag ein bisschen davon essen.

Als Zwangsarbeiter hatten wir keine Spinde, um irgendetwas aufzubewahren, aber ich schlief auf der obersten Pritsche in meiner Baracke und konnte die Decke erreichen. Noch bevor ich den Speck bekam, war es mir gelungen, eine der Deckenbretter zu lockern und so hatte ich ein kleines Geheimfach, wo ich ein paar Kleinigkeiten versteckte, unter anderem ein paar Fetzen Stoff. Da versteckte ich den Speck. In den folgenden Nächten, wenn das Licht aus war und jeder auf seiner Pritsche lag, wartete ich, bis alle eingeschlafen waren. Wenn ich mir ganz sicher war, dass mich keiner sah, öffnete ich das Deckenbrett und holte den Speck hervor, der in den Stoff gehüllt war. Ohne Messer oder Besteck kaute ich ein kleines Stück von dem Speck. Ich konnte förmlich die Energie, die von der Nahrung kam, durch meinen Körper strömen fühlen. Jede Nacht nahm ich einen Bissen, diese kleine Dosis Energie, und ich bin überzeugt davon, dass dieses kleine bisschen Eiweiß mir die Kraft gab, mich dem nächsten Tag zu stellen.

Anfang Juli wurde wieder aussortiert. Diesmal waren mein Vater, mein Onkel und ich in verschiedenen Blöcken. Ich wurde von brüllenden Stimmen aus dem Tiefschlaf geweckt. Sie riefen: „RAUS! SELEKTION!“ Inzwischen wusste ich schon, was Selektion hieß. Ich weiß noch, dass ich mir wünschte, der Erdboden würde mich verschlingen. Man konnte sich nirgendwo verstecken. Wir mussten nackt im Gänsemarsch durch eine Baracke gehen, wo die SS-Ärzte uns untersuchten. Ein Mann genau vor mir wurde aufgehalten, und ich ging weiter durch die Tür. Hätte ich auch nur einen Sekundenbruchteil gezögert, wäre ich ganz bestimmt auf die Liste für die Gaskammer gekommen. Ich machte mir Sorgen, ob mein Vater und Onkel es geschafft hatten. Ich erfuhr es erst am nächsten Morgen, als ich zu ihrer Baracke rannte und sie nicht da waren. Ich wusste, das Schlimmste war eingetreten. Ich musste zum Appell zu meiner Baracke zurückrennen, und den Rest des Tages verzehrte mich die Sorge. Als ich am Abend von der Arbeit zurückkehrte, rannte ich zum Quarantänebereich und rief nach ihnen. Zum Glück kamen sie an den Zaun und wir hatten nur ein paar Sekunden Zeit, um Abschied zu nehmen. Der SS-Wachmann im Turm war nur 30 Meter weit entfernt, und er brüllte mir zu, ich solle verschwinden oder er würde schießen. Mein Vater segnete mich und sagte mir, wenn ich überlebte, müsste ich der Welt erzählen, was hier geschehen ist. Dann sagte er, ich solle mich beeilen und fortgehen, und das was das letzte Mal, dass ich ihn sah. Ich war was am Boden zerstört, nun ganz allein zu sein.

Vor zwanzig Jahren fand der ehrenamtlich im Museumsarchiv Auschwitz tätige Dr. Carson Phillips Unterlagen der Nazis, aus denen hervorgeht, dass mein Vater und Onkel am 9. Juli 1944 für medizinische Experimente ausgewählt wurden. Dieses Dokument ist ihr Testament und Todesurteil zugleich. Ich möchte diese Dokumente in der deutschen Originalfassung sowie in der englischen Übersetzung zusammen mit meiner Aussage als Beweismittel beim Gericht einreichen.

Kurz nachdem mein Vater und Onkel ausselektiert worden waren, bekam ich von einem SS-Wachmann einen lebensgefährlichen Schlag auf den Schädel versetzt. Ich verlor eine Menge Blut und befand mich im Schockzustand. Man warf mich einfach da, wo wir gerade arbeiteten, in einen Graben. Meine Füße trugen mich nicht mehr. Am Ende des Tages lud man mich auf eine Karre mit all den Schaufeln und anderen Werkzeugen. Meine Mitgefangenen brachten mich ins Lagerlazarett in Block 2l.

Ärzte, die Häftlinge waren, operierten mich. Ein paar Tage später legte man mich und andere verletzte Gefangene auf eine Bahre, mit Ziel Gaskammer Birkenau. Dr. Tadusz Orzeszko, ein politischer Häftling aus Polen und Chefchirurg in Block 21, rettete mich von der Bahre und brachte mich zurück ins Lazarett. Er gab mir einen Arztkittel und sagte mir, ich sei nun ein Operationsgehilfe. So wurde ich Zeuge dessen, dass dieses kleine Lagerlazarett Teil der ganzen Täuschung war. Patienten hatten keine Zeit zu genesen; viele von ihnen wurden kurz nach der medizinischen Behandlung auf Laster geladen und zu den Gaskammern in Birkenau gebracht. Die Lasterfahrer kamen einige Stunden später zurück in den Operationssaal, wo sie blutige Lappen aus ihren Hosentaschen zogen. Die Lappen waren voller Zähne mit Goldkronen und Füllungen, die ich dann mit den mir zur Verfügung stehenden Instrumenten entfernen musste. Ich war entsetzt über diese Fledderei, wie sich Leute auf so grausame Weise bereicherten.

Reinhold Hanning leugnet vielleicht seine Rolle in diesen Gräueltaten. Ich erinnere mich zwar nicht an sein Gesicht, aber ich kann Ihnen sagen, dass ich von dem Augenblick an, als ich im Mai 1944 in Birkenau aus dem Viehwagen stieg – benommen vor Mangel an Schlaf, Essen und Wasser – Zeuge der Grausamkeit der SS-Wachmänner wurde, die das Lager kontrollierten. Jeder von ihnen war ein Rädchen in einer gut geölten Maschine der Zerstörung. Jeder spielte seine Rolle in der Entmenschlichung der Zwangsarbeiter, jeder trug damit zum Völkermord an den Juden bei.

Zum Abschluss meiner Aussage möchte ich dem Gericht und Reinhold Hanning sagen, dass ich bis zum heutigen Tag mit diesen entsetzlichen Erinnerungen leben muss, mit dem unaussprechlichen Trauma von Auschwitz, mit den Alpträumen über meine Erlebnisse dort. Ein bestimmter Alptraum kehrt immer wieder. Da sehe ich meine Großeltern, meine Mutter, meine drei Geschwister und meine Tante, in eine überfüllte Gaskammer gesperrt, ich sehe das Gas vom Boden zur Decke aufsteigen und sie alle einhüllen. Ich sehe sie ersticken und sterben, während die SS-Offiziere den Todeskampf durch Gucklöcher aus Panzerglas beobachten. Dieses Bild wird mich nie verlassen.