Zeugenaussage im Prozess gegen Reinhold Hanning: Bill Glied, 18.02.2016

Mein Name ist William Glied, aber jeder nennt mich Bill.

Ich wurde 1930 in der Stadt Subotica im ehemaligen Jugoslawien, heutigen Serbien, in eine wohlhabende jüdische Familie geboren.

Mein Vater betrieb die örtliche Getreidemühle, während meine Mutter sich um meine Schwester Aniko und mich kümmerte. Wir führten in Jugoslawien ein gutes Leben, ich besuchte die öffentliche Schule und erfuhr von meinen Klassenkameraden nie Antisemitismus.

Am 6. April 1941 griffen die Achsenmächte unter der Führung Deutschlands Jugoslawien an und eroberten es rasch.

Meine Stadt Subotica und meine Heimatprovinz Batschka wurden an Ungarn abgetreten und fortan von der faschistischen ungarischen Regierung beherrscht.

In den folgenden Jahren wurden viele, gegen die beachtliche jüdische Bevölkerung gerichtete antisemitische Gesetze verabschiedet. Ich durfte jedoch zur Schule gehen, was ich auch tat, trotz der ständigen Schikanen seitens meiner Lehrer und Klassenkameraden, ganz im Gegensatz zu den Jahren zuvor.

Ich musste einen großen gelben Stern auf meiner Jacke tragen, was bei meinen Mitschülern nur noch mehr Hohn und Spott auslöste.

Unsere Mühle wurde konfisziert und wir wurden täglich schikaniert und verfolgt. Dennoch gelang es uns, auch unter diesen schwierigen Umständen unseren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Im Frühjahr 1944 fand die deutsche Nazi-Regierung heraus, dass die Ungarn heimlich mit den Alliierten um einen Waffenstillstand verhandelten. Infolgedessen besetzten deutsche Truppen am 19. März 1944 Ungarn und setzten eine von Ferenc Szálasi und den Pfeilkreuzlern geführte Marionettenregierung ein.

Von diesem Moment an wurde das Leben der Juden, und somit auch meines, noch viel schlimmer.

In den nächsten paar Wochen wurden eine ganze Reihe antijüdischer Gesetze verkündet. Ich wurde von der Schule verwiesen und alle Juden standen von nun an unter einer strengen nächtlichen Ausgangssperre. Binnen weniger Tage war die ganze Stadt mit Anschlägen plakatiert, mit der Aufforderung an alle Juden, sich für die „sofortige Umsiedlung nach Osten“ bei der Polizeihauptwache zu melden.

Meine Familie wurde zuerst in die Stadt Szeged verfrachtet, wo wir in der ehemaligen jüdischen Schule untergebracht wurden, doch ein paar Tage später ging es schon weiter, nun in die Stadt Baja in Ungarn, in eine sehr große Ziegelei. Alle Juden aus den umliegenden Städten und Dörfern waren in diesem Hof versammelt, unsere Unterkunft bestand lediglich aus offenen Hütten, wo früher die Ziegel zum Trocknen ausgelegt wurden.

Ich weiß nicht, wie viele Tage wir in dieser Ziegelei verbrachten, aber es handelte sich um Tage, nicht Wochen. Ungarische Gendarmen und ein paar deutsche Offiziere bewachten uns.

Eines Tages wurde uns mitgeteilt, dass wir in ein paar Tagen zum Arbeitseinsatz nach Osten gebracht würden. Dabei versicherte man uns aber, dass nur die gesunden Männer arbeiten würden, dass wir anständig untergebracht und versorgt würden.

Man sagte uns, dass zwei Züge abfahren würden und wir uns aussuchen konnten, ob wir im ersten oder im zweiten Zug fahren wollten. Nach langem Hin und Her entschied sich meine Familie – meine Eltern und Verwandten – für den ersten Zug, in der Annahme, dass wir so eine bessere Auswahl an Unterkunft hätten.

Oh! Wie falsch! Die schreckliche Ironie unserer Wahl. Der zweite Zug fuhr nach Wienerneustadt! Alle Passagiere des zweiten Zuges, einschließlich einer Tante und einer Kusine, überlebten alles unbeschadet. Ich vermute, bin mir aber nicht sicher, dass das Teil der Abmachung zwischen Eichmann und Kasztner war.

An dem schicksalhaften Tag erwartete ich einen Personenzug, doch als er ankam, bestand er aus einer Reihe Viehwaggons. In diesen ersten Zug, in diesen finsteren Viehwägen wurden wir hineingepfercht wie Sardinen. Ich weiß nicht, wie viele von uns hineingezwängt wurden, Männer, Frauen, Kinder, Kranke, jemand im Rollstuhl, überall Pakete, drängelnde Menschen, die alle einen Platz suchten, wo sie sich hinsetzen konnten.

Meine Schwester und ich fanden in der Nähe der Tür einen Platz zum Hinsetzen und meine Eltern setzen sich gleich hinter uns auf den Koffer, den wir dabei hatten. Der Zug fuhr los und die ersten paar Stunden hatten meine Schwester Aniko und ich noch keine Schwierigkeiten, Mama hatte Essen mitgebracht, doch dann ergab sich im Viehwagen ein Problem: Jemand musste auf Toilette. Gab es denn einen Waschraum? Einen Vorhang? Einen Behälter?

Und in diesem schrecklichen Viehwaggon waren wir zwei Tage und Nächte lang, nichts zum Essen, kein Wasser, keine Rücksicht auf persönliche Hygiene. Nur Erniedrigung—nur eine neue Art, uns zu entmenschlichen. Der Zug hielt hin und wieder an, manchmal ein paar Stunden lang. Sie hätten uns versorgen oder den Waggon sauber machen können, aber nichts dergleichen geschah. Wir waren eingesperrt wie das Vieh, für das diese Waggons ursprünglich gedacht waren.

Am dritten Morgen blieb der Zug stehen. Es vergingen ein paar Stunden, dann hörten wir draußen Geräusche. Die Türen wurden aufgerissen. Ich blickte hinaus, es war ein heller, sonniger Morgen, der 28. Mai, um genau zu sein. Ich sah einen Bahnsteig aus Kies. Auf der anderen Seite standen Soldaten mit Gewehren vor einem Zaun, auf dem Gleis selbst liefen einige Nazi-Soldaten mit Gehstöcken herum – zumindest hielt ich es für Gehstöcke. Unter ihnen waren ein paar Männer mit kleinen runden Kappen in blaugrauen Schlafanzügen. Sie brüllten:

„RAUS. RAUS. Lasst euer Gepäck im Waggon. Das bekommt ihr später.“

Wir kamen aus dem Waggon gehetzt. Ich hielt Papas Hand und meine Schwester Aniko klammerte sich an Mama.

Das Chaos, der Tumult, der dann ausbrach, ist unbeschreiblich. Babies weinten, Frauen riefen nach ihren Männern, Leute stritten miteinander. Und über dem Ganzen hing dieser widerwärtige Gestank.

Die ganze Zeit über schlängelten sich SS-Leute durch die tosende Menge und hieben rabiat mit ihren Stöcken auf Leute ein, trennten Familien, schleusten uns wie eine Schafherde auf dem Weg zum Schlachthof. Ich hatte verzweifelte Angst. Ich klammerte mich an die Hand meines Papas, und als die Männer in den Schlafanzügen befahlen, dass die Frauen und Mädchen sich in Fünferreihen aufstellen sollten, und die Männer ebenfalls in einer anderen Fünferreihe, bekam ich Panik. Mein Papa versuchte, mich zu beschwichtigen, sagte mir, alles würde schon gut und ich müsse mich jetzt wie ein Mann verhalten und nicht wie der dreizehnjährige Junge, der ich war.

Als die Reihen endlich zur Zufriedenheit der Grau-Gestreiften aufgestellt waren, hörte ich von dieser verzweifelten Menge nur noch ein stetiges, qualvolles Stöhnen und Murmeln, durchsetzt mit Kinderweinen.

Jedes Mal, wenn ich eine lärmende Menschenmenge höre, sogar bei einem Fußballspiel, hallt mir dieses Geräusch heute noch in den Ohren wider und ich bekomme Platzangst.

Endlich begann sich meine Marschkolonne vorwärts zu bewegen und binnen weniger Minuten war unsere Reihe ganz vorne. Es herrschte Ruhe. Drei oder vier SS-Soldaten standen da, ganz entspannt, sahen uns lässig an. Einige der Männer in Schlafanzügen standen an der Seite. Ein Offizier fiel mir auf, er war groß und gut aussehend, aber an sein Gesicht kann ich mich nicht erinnern. Er stand da und sagte kein Wort.

Eine Reihe von uns verwahrlosten Juden kam an ihm vorbei. Er sah uns voller Verachtung an und zeigte dann auf die Person neben mir. Er winkte mit der Hand nach rechts, und der Mann ging zu einer Gruppe, die sich da bereits formiert hatte.

Dann sah er mich an – ich schwöre, nicht länger als eine Sekunde – sagte nichts, fragte nicht nach meinem Namen, meinem Alter, wo ich herkam. Er deutete nur nach rechts. Ich rührte mich nicht. Einer der Männer in Schlafanzügen fuchtelte frenetisch mit der Hand und sah mich dabei an. Ich hastete zu der Gruppe der Männer, die schon in einer Menschentraube beieinander standen. Eine Sekunde später kam mein Vater auch dazu.

Was war mit der Kolonne der Frauen geschehen? Alles war so schnell, so chaotisch gegangen, ich war gar nicht zum Nachdenken gekommen. Ich weiß nur, dass ich meine Mama und Schwester nie wieder gesehen habe – nie wieder. Ich habe mich nicht von ihnen verabschiedet, ich habe sie nicht umarmt oder geküsst. Sie sind für immer aus meinem Leben verschwunden.

Heute weiß ich es natürlich. Und in meinen Alpträumen sehe ich die Kolonnen immer wieder verschwinden.

Rückblickend, in meinen Gedanken, denen ich fast täglich nachhänge – und ja, diese Gedanken kommen mir jeden Tag – sehe ich dieses Stück gottverlassener Erde—diese Rampe als das schlimmste Stück Boden auf Erden. Schlimmer als Dantes siebter Höllenkreis. So schlimm die Bombardements von Hiroshima, Dresden oder London auch waren, diese Rampe, nicht größer als ein Fußballplatz, diese Hölle auf Erden übertrifft alles. Dieser Ort ist der stumme Zeuge des unglaublichen Ereignisses, dass eine kleine Gruppe Männer, unterstützt von ein paar Tausend SS-Männern, die den Ort bewachten, unschuldige Menschen zu einem schrecklichen Tode verurteilten. Sie verurteilten Kinder mit ihren Müttern, alte Männer, Frauen. Diese herzlosen Mörder entschieden mit einer Handbewegung, wer überlebte und wer starb. Kein Haftbefehl, kein Dokument, kein Richter, keine Geschworenen. Sie konnten eine Person verschonen, wenn sie ihnen gefiel, oder jemandem zum Tode verurteilen, weil er einen Zwirbelbart trug.

Keiner wurde zur Rechenschaft gezogen, solange er in der Fabrik des Todes seine Tagesquote an Leichen erfüllte.

Und so schlimm die Todesfabrik, die folgte, auch war, es war – wie Oscar Gröning es erst kürzlich sagte – einfach der „Prozess“, das Abwickeln eines vorbestimmten Schicksals, das von diesen paar SS-Männern auf der Rampe entschieden wurde.

Wie war es möglich, dass im zwanzigsten Jahrhundert Menschen aus der kultiviertesten europäischen Nation darauf aus waren, ein ganzes Volk auszulöschen, und dass es ihnen beinahe gelungen wäre.

Letztlich wurden wir in ein großes Gebäude geführt und uns wurde befohlen, uns auszuziehen. Wir standen nackt da—vor all diesen nackten Erwachsenen war ich schüchtern und peinlich berührt. Dann kamen die anderen „Schlafanzüge“ herein und schoren uns die Haare ab. Wir wurden in eine weitere große Halle geschleust. Auf den Balken über uns waren Duschköpfe installiert und bald kam heißes Wasser herausgeschossen. Ich versuchte, den ganzen Dreck von meinem Körper zu waschen, mein Papa half mir, aber es gab keine Seife, und das Wasser versiegte nach ein paar Minuten. Es gab keine Handtücher und wir wurden, nass wie wir waren, wieder ins Freie gescheucht, wo blaugraue Schlafanzüge auf langen Tischen auslagen. Nun begriff ich, dass es Uniformen waren, Jacke, Hose, Holzpantoffeln und eine kleine runde Mütze. Wir zogen die Sachen über unsere nassen Körper und man führte uns in eine leere große Baracke, wo wir die nächsten zwei Wochen wohnten.

Ich könnte stundenlang von den Schrecken sprechen, die mein Vater und ich in diesen kurzen Wochen in dieser Baracke entdeckt und erlebt haben.

Das Trauma, zu entdecken und zu begreifen, was den „Arbeitsunfähigen“ widerfuhr, die Gaskammern und Krematorien, und was meiner Mutter und Schwester und den anderen 18 nahen Verwandten passiert sein muss, die mit uns im Viehwaggon waren.

Der tägliche „Appell“, die wahllosen Prügel.

Einen kleinen Vorfall schleppe ich mit mir herum und werde das wohl für immer tun. Im größeren Zusammenhang von Auschwitz ist er völlig unbedeutend, doch er hat mein Leben verändert. Mein Vater und ich standen draußen auf der Lagergasse zwischen den Baracken, als ein SS-Offizier auf uns zukam, meinen Vater ansah und ihm mit voller Wucht mit dem Handrücken ins Gesicht schlug. „Wenn ich mich dir nähere, dann nimmst du gefälligst die Mütze ab, du Schweinehund.“ Und mein Vater stand da, nun mit der Mütze in der Hand, und entschuldigte sich. Mein Vater, zu dem ich aufschaute wie zu einem Gott, den alle, die ihn kannten, achteten und bewunderten, der nichts falsch machen konnte, stand da, geohrfeigt und gedemütigt.

Diesen Vorfall werde ich weder vergessen noch vergeben. Dieser Vorfall belastet mich jeden Tag und wird es bis an mein Lebensende.

Ich habe nur zwanzig Tage in Auschwitz/Birkenau verbracht, aber diese zwanzig Tage erschienen mir wie zwanzig Jahre. Wir wurden erneut in Viehwaggons verfrachtet und mitten nach Deutschland gebracht, nach Dachau, und von dort aus direkt nach Kaufering. Mein Vater und ich erkrankten beide an Typhus und mein Vater starb am 21. April 1945, acht Tage vor der Befreiung. Ich habe überlebt und wurde am 29. April 1945 in Dachau von der amerikanischen Armee befreit.

Als 17-jähriges Waisenkind wanderte ich 1947 nach Kanada ein. Ich bin mit einer wunderbaren Frau verheiratet, habe drei Töchter, die auch alle verheiratet sind, und acht Enkel.

Warum bin ich heute hier als Zeuge und Nebenkläger? Nicht aus Hass – ich kenne Herrn Hanning nicht. Ich kam her, weil ich zwar nicht hasse, aber auch nicht vergessen kann. Meine Hoffnung ist, dass die Verurteilung dieses SS-Offiziers helfen wird, die verbleibenden Holocaust-Skeptiker zum Schweigen zu bringen. Und dass die Welt erfährt, dass die Menschheit mitfühlt. Danke.

Zeugenaussage im Prozess gegen Reinhold Hanning: Irene Weiss, 18.02.2016

Meine Familie lebte in einer Kleinstadt in Ungarn. Mein Vater hatte ein großes Bauholzunternehmen. Wir waren eine Familie mit sechs Kindern im Alter von 7 bis 17 Jahren. Ich war ein dreizehnjähriges Schulmädchen.

Das Leben hatte sich für uns schon seit 1940 verändert, als Ungarn sich dem Dreimächtepakt mit Deutschland anschloss und die Nürnberger Gesetze einführte. Juden, die schon seit Generationen da lebten, mussten nur ihre Staatsbürgerschaft nachweisen. Das Unternehmen meines Vaters wurde von der Regierung enteignet und einem Nichtjuden übergeben. Wir mussten den gelben Stern tragen. Ich wurde der Schule verwiesen.

Im April 1944 wurde angekündigt, dass alle Juden sich am nächsten Tag am Rathaus zu versammeln hatten und nicht mehr als einen Koffer pro Person mitführen durften. Meine Mutter fing an, Proviant vorzubereiten, ohne zu wissen, wo wir denn hingingen. Sie nähte auch etwas Familienschmuck in Kleidungsstücke ein, mit dem Gedanken, dass sich der später gegen Essen für die Kinder tauschen ließe.

Am nächsten Morgen klopften der Bürgermeister, der Polizeichef und mein Schulrektor an die Tür. Sie verlangten unsere Wertsachen und mein Vater gab ihnen etwas Geld und Schmuck. Wir verließen unser Haus, mein Vater schloss das Tor hinter uns ab, damit unser Hund uns nicht hinterherlief.

Zusammen mit den ungefähr 100 anderen Juden unserer Stadt brachte man uns zu einer verlassenen Ziegelfabrik in der Stadt Munkacs, die einige Kilometer entfernt lag. Dort befanden sich bereits hunderte jüdischer Familien aus umliegenden Städten.

Dort blieben wir etwa einen Monat, wir schliefen auf dem überfüllten Fabrikboden. Unser Proviant von zu Hause war bald aufgebraucht und wir waren auf die tägliche Suppenration angewiesen. Eines Tages wurde verkündet, dass allen Mädchen unter 16 der Kopf geschoren werden müsse, sonst würden ihre Väter verprügelt. Meine Mutter gab mir einen Schal, mit dem ich meinen frisch geschorenen Kopf bedeckte.

Mitte Mai 1944 kam ein Frachtzug auf den Gleisen neben der Fabrik an. Über Lautsprecher wurde angesagt, dass wir alle einsteigen mussten. Keiner sagte uns, wohin es ging.

Von Wachmännern flankiert kämpfte meine Familie zusammen zu bleiben, und es gelang uns, mit etwa 80-100 weiteren Menschen in denselben Waggon einzusteigen. Der Sittsamkeit halber gingen die Männer auf eine Seite und die Frauen auf die andere. Ein Wachmann schmetterte die Tür zu und verriegelte sie von außen. Mit einem Mal war es stockfinster. Nur durch einen kleinen Schlitz im oberen Eck des Waggons drang ein wenig Luft und Licht zu uns. Stunden später fuhr der Zug los.

In der Mitte des Waggons stand ein Eimer für die Notdurft. Stunden vergingen, zwei Nächte und ein Tag. Der Eimer wurde voll. Mein Vater spähte durch den Schlitz und bestätigte unsere schlimmsten Befürchtungen: der Zug fuhr nach Polen. Wir hatten Gerüchte über Massenerschießungen jüdischer Familien in den Wäldern des von den Nazis besetzten Polen gehört. Von Auschwitz hatten wir noch nie gehört.

Endlich hielt der Zug am Morgen des dritten Tages an. „Wir sind in einer Art Lager“, sagte mein Vater. „Es gibt Baracken und uniformierte Gefangene. Es muss ein Arbeitslager sein.“ Wir waren erleichtert. Die Gerüchte hatten nicht gestimmt: Wir würden nicht in einem polnischen Wald erschossen.

Als die Zugtüren aufgingen, hörten wir Gebrüll: „Raus! Raus! Schnell! Lasst alle eure Sachen drin!“ Als meine Mutter das hörte, holte sie noch mehr Kleidung heraus und sagte uns, wir sollten uns noch ein paar Schichten überziehen. Ich hatte ja bereits einen Schal auf dem Kopf und zog mir noch einen viel zu großen Wintermantel an.

Hunderte Menschen kamen aus dem Zug geströmt. Gefangene in gestreiften Uniformen sprangen in die Waggons und begannen, die Koffer und Habseligkeiten auf den Bahnsteig zu hieven und dann in Laster zu verladen.

Auf dem Bahnsteig stand meine Familie aneinander geklammert, versuchte, in dem drängelnden, lärmenden Wirrwarr zusammenzubleiben. Bewaffnete SS-Wachmänner beförderten die riesige Menge voran, den Bahnsteig entlang.

Ein SS-Wachmann schrie: „Männer auf eine Seite, Frauen und Kinder auf die andere!“ Augenblicklich verschwanden mein Vater und mein 16-jähriger Bruder in eine Marschkolonne von Männern auf der einen Seite. Ich sah sie nie wieder.

Meine Mutter, meine ältere Schwester Serena, 17, meine kleine Schwester Edith, 12, meine zwei kleineren Brüder und ich schlossen uns der Kolonne der Frauen und Kinder an. In der Entfernung wallte Rauch aus einem Schornstein auf. Die Reihe bewegte sich langsam voran. Als wir vorne ankamen, versperrten zehn oder mehr SS-Wachmänner uns den Weg. Einer hielt einen kleinen Stock.

Der SS-Mann mit dem Stock bedeutete meiner älteren Schwester, Serena, sie solle auf eine Seite gehen, und sie ging eine Straße in diese Richtung entlang und verschwand aus meinem Sichtfeld.

Der Wachmann hieß meiner Mutter und meinen zwei kleinen Brüdern, auf die andere Seite zu gehen, und sie verschwanden ebenso. Nur meine jüngere Schwester Edith und ich blieben übrig. Der Stock ging zwischen uns beiden nieder.

Edith wurde in die Richtung geschickt, in die meine Mutter gegangen war. Der SS-Wachmann sah mich an und zögerte einen Augenblick. Obwohl ich erst 13 war, wirkte ich mit meinem Kopftuch und Mantel wohl älter. Er wies mich in die Richtung, in die Serena und die anderen jungen Erwachsenen gingen und wandte dann seine Aufmerksamkeit den Frauen und Kindern zu, die hinter mir in der Schlange standen.

 Irene (zweite Frau von Links mit einem Kopftuch) sucht während der Selektion auf der Rampe nach ihrer Schwester.

Irene (zweite Frau von Links mit einem Kopftuch) sieht nach der Selektion auf der Rampe hinter ihrer kleinen Schwester her, von der sie bei der Selektion getrennt wurde. Sie ist in Sorge ob die Schwester in der für den Tod selektierten Menschenmasse den Anschluss an die Mutter schafft. (Zum Bild in hoher Auflösung)

Ich rührte mich nicht. Ich lehnte mich nach vorne, spähte in die Menge und versuchte auszumachen, ob Edith meine Mutter und kleinen Brüder eingeholt hatte. Frauen und Kinder gingen weiter in diese Richtung. In der sich schnell bewegenden Menge war es unmöglich zu sehen, was mit Edith passiert war. Während wir so getrennt wurden, nahmen wir ganz normal an, dass dies hier ein Arbeitslager war und wir unsere Familien bald wieder sehen würden. Ich war entsetzt bei dem Gedanken, dass Edith unsere Mutter vielleicht nicht fand. Niemand hatte Namen oder Personendaten aufgenommen. Sie wäre verloren, allein unter Fremden.

Unsere Familie hatte so sehr versucht, zusammenzubleiben, die älteren Kinder hatten sich um die jüngeren gekümmert. Jetzt waren wir völlig auseinander gerissen. Das Trauma dieser Trennung haftet heute noch an mir.

Die SS-Wachen forderten mich mit einer Geste auf, loszugehen, und ich rannte los und holte Serena ein. „Warum bist du nicht mit Mama mitgegangen?“, fragte sie.

Serena und ich wurden in ein Badehaus geschickt, wo neu angekommene Frauen geschoren, desinfiziert und mit Häftlingskleidung ausgestattet wurden. Dann wurden wir in eine Baracke mit etwa 200 anderen Frauen gebracht. Wir wussten immer noch nicht, wo wir waren. Wir fragten die anderen Gefangenen: „Wann sehen wir unsere Familien?“

Eine Frau deutete auf den Schornstein und sagte. „Seht ihr den Rauch? Da ist eure Familie.“

Ich dachte—„Warum würde jemand denn so etwas sagen?“

Serena und ich wurden einer Pritsche zugewiesen – im Grunde war es ein breites Holzregal. Sechs von uns teilten sich eine dünne Decke. Keine von uns fand Schlaf. Meine Schwester sagt, ich hätte tagelang geweint.

Jeden Morgen wurden wir vor Tagesanbruch zum „Zählappell“ geweckt. Wir mussten uns in der Morgenkälte aufstellen, fünf in einer Reihe, und standen stundenlang da, während wir gezählt wurden. Das war auch noch eine Gelegenheit für die SS-Wachleute, kränkelnde Frauen und Kinder herauszuziehen, die sie an der Auswahlrampe übersehen hatten. Das war für mich ein sehr gefährlicher Augenblick, weil ich erst 13 und klein war. Ich versuchte, mich auf einen Stein zu stellen, damit ich etwas größer wirkte und ich kniff mir die Wangen, damit ich etwas rosiger und gesünder aussah.

Aus reinem Glück entdeckten wir in einer Baracke in der Nähe die beiden Schwestern meiner Mutter, Roszi und Piri. Ihre liebevolle Hingabe beschützte und beschirmte uns an diesem schrecklichen Ort.

Nach einem Monat tätowierte man uns Nummern auf die Arme. Kurz darauf schickte man uns zur Arbeit in der Nähe des Krematoriums 4 in einer Lagerungs- und Abwicklungszone, die die Gefangenen „Kanada“ nannten. Dort sortierten wir Berge von Kleidern, Schuhen, Bettzeug, Brillen, Zahnbürsten, Kinderwägen, Koffern, Büchern, Töpfen und Pfannen und alle erdenklichen Haushaltsgegenstände aus. Man befahl uns, jegliche Wertgegenstände, die wir fanden, auszuhändigen.

Eines Tages, während ich Kleidung aussortierte, fand ich das weiße Kleid und den beigen Schal meiner Mutter.

Wir arbeiteten Tag und Nacht im Freien, brachten die Gegenstände aus der Witterung in die Baracken. Doch die Laster brachten immer mehr Sachen vom Gleis und den Krematorien und die Haufen wurden nie kleiner. Sie reichten bis zum Dach der Baracken. Wenn wir die Sachen erst einmal in die Baracken sortiert hatten, bündelten wir sie. Dann kamen männliche Häftlinge und luden sie auf Laster.

Es war offensichtlich, dass wir den SS-Wachmännern noch weniger wert waren als Sklaven, dass wir Untermenschen waren und dass sie in jedem beliebigen Augenblick, aus jedem noch so banalen Grund, oder auch völlig grundlos, über unser Leben und Tod walten konnten. Eines Tages war ich mit einer Gruppe Frauen im Badehaus, als ein SS-Wachmann hereinkam. Die nackten Frauen huschten beiseite und machten ihm Platz, als er plötzlich im Vorbeigehen auf uns einpeitschte. Gab es einen Grund? Er tat es, weil er es konnte. Ich erinnere mich auch daran, dass man uns von einem Teil des Lagers zu einem anderen marschieren ließ, als plötzlich ein Wachmann seinen Hund auf Tante Rozi hetzte. Nach einem schrecklichen Moment rief er den Hund zurück. Die anderen Wachen sahen zu und lachten.

Weil wir neben den Gaskammern und Krematorien wohnten und arbeiteten, weiß ich aus erster Hand, was unseren Familien widerfahren ist. Tag und Nacht sind Kolonnen von Frauen, Kindern und älteren Menschen an unserer Baracke vorbeigekommen und in dem Tor verschwunden, das zu den Gaskammern führte.

Viel später, 1982, als ich zum ersten Mal das Bild von dem Auschwitz-Album sah, auf dem ich bei der Selektion zu sehen bin, fand ich durch ein weiteres Bild auch heraus, was meiner Mutter und meinen zwei kleinen Brüdern passiert ist:

Ihre zwei Brüder (links) und ihre Mutter (dahinter kniend) warten im Birkenwäldchen in der nähe der Gaskammer.

Irenes zwei Brüder Reuven und Gershon (links) und ihre Mutter Leah (dahinter kniend) warten im Birkenwäldchen in der Nähe der Gaskammer auf ihre Ermordung. (Zum Bild in hoher Auflösung)

Meine Brüder Reuven, 9 Jahre alt, und Gershon, 7 Jahre alt, stehen unten links. Meine Mutter Leah, 44 Jahre alt, sitzt gleich hinter ihnen. Sie warten zusammen mit anderen bei ein paar Bäumen gleich vor den Krematorien 4 und 5. Meine kleine Schwester Edith ist nicht im Bild. Ich muss annehmen, dass sie die anderen nicht eingeholt hat und ganz alleine war. Bis heute verursacht mir diese Erkenntnis großen Schmerz. Kurz nachdem dieses Foto gemacht wurde, wurde jeder auf dem Bild in den Gaskammern umgebracht.

Wenn ich nachts draußen in Kanada arbeitete, hallten alle Geräusche so viel lauter wider. Erst hörte ich den Zug pfeifen, dann die Dampflok zischen, wie sie auf dem Bahnsteig einfuhr. Die Menschen, die aus den Zügen ausstiegen, sahen das Feuer der Öfen und der offenen Gruben, in denen die Leichen verbrannt wurden, und begannen zu schreien und zu beten. Ich hielt mir die Ohren zu, damit ich es nicht hören musste. Dann wurde es still. In der Entfernung hörte ich den nächsten ankommenden Zug pfeifen. Die Transporte kamen Tag und Nacht.

Im Januar 1945, als die Russen nahten, führte man uns auf einen Todesmarsch von Auschwitz nach Deutschland. Wer Rast machte oder vor Erschöpfung umkippte, wurde auf der Stelle erschossen. Bis wir in Ravensbrück und dann in Neustadt-Glewe ankamen, waren wir krank und abgezehrt. Meine Tante Piri erkrankte an Typhus und wurde von einem Laster fortgeschafft und getötet. Kurz darauf wurde auch Serena zur Tötung ausgewählt. Als mir bewusst wurde, dass wir getrennt werden sollten, sagte ich: „Ich bin ihre Schwester!“ Man sagte mir: „Dann komm du auch mit.“

Wir wurden mit anderen ausgewählten Frauen in ein Zimmer gebracht, wo wir auf den Laster warteten, der uns zu unserer Tötung bringen sollte. Der Laster kam nie, vielleicht wegen der nahenden russischen Front und dem sich daraus ergebenden Chaos. Bald darauf flohen die Wachen und die verbleibenden Überlebenden drifteten aus dem Lager.

In den Jahren seit Auschwitz habe ich nie über meinen Vater gesprochen. Ich sagte immer nur, dass er nicht überlebt hat. Ich konnte es nicht ertragen, darüber zu sprechen, wie er starb.

Er war ein liebevoller, sanftmütiger, gütiger Mensch. Als wir klein waren, brachte er uns auf unterhaltsame Weise das hebräische Alphabet bei, damit wir unsere Gebete lesen konnten. Unsere Wohnzimmerdecke hatte Holzbalken mit Astlöchern darin. Er befestigte eine Münze auf einem Besenstiel, und wenn wir unsere Lektion gut machten, hob er den Besenstiel zur Decke und fuhr damit über ein Astloch im Balken, sodass die Münze herabfiel, als käme sie aus dem Himmel. Wir Kinder waren davon verblüfft und verzückt; wir rannten mit den Münzen zum Händler auf der anderen Straßenseite und kauften uns etwas Süßes. Jeden Abend, wenn er von der Arbeit heimkam, umringten wir Kinder ihn und er schenkte uns allen seine Aufmerksamkeit und seine Liebe. Sein ganzes Leben drehte sich nur um seine Familie und seinen Glauben.

Das war mein Vater, 47 Jahre alt, der bei seiner Ankunft in Auschwitz zur Arbeit in einem Sonderkommando gezwungen wurde. Diese Arbeit bestand darin, Leichen aus den Gaskammern zu zerren. Dass er in diesem Sonderkommando war, erfuhren wir von einem jungen Mann aus unserer Stadt. Er steckte uns einen Zettel zu, über einen elektrischen Zaun hinweg, der uns vom Krematorium 4 trennte. Auf diesem Zettel stand, dass Vater kurze Zeit, nachdem er für diese Arbeit eingesetzt wurde, erschossen worden war.

Was aus meinem 16-jährigen Bruder geworden ist, haben wir nie erfahren… Von meiner achtköpfigen Kernfamilie haben nur ich und Serena überlebt. Meine dreizehn Cousins und Kusinen sind alle mit ihren Müttern umgekommen. Wann immer ich unmittelbar nach dem Krieg Kinder sah, blieb ich stehen und starrte sie an. Ich hatte fast eineinhalb Jahre lang keine Kinder mehr gesehen. In der Welt, aus der ich kam, wurden Kinder zum Tode verurteilt.

Zum Tode verurteilt, doch was war ihr Vergehen? Selbst als Dreizehnjährige wusste ich, dass uns keine Schuld traf, dass nicht wir die Verbrecher waren. Die SS-Wachmänner, die Familien zerrissen, die Mütter und Kinder in die Gaskammern trieben, die unschuldige Zivilisten versklavten und aushungerten, die diese Todesfabrik am Laufen hielten, die sind des Massenmords schuldig.

Der Angeklagte argumentiert vielleicht, dass er nur ein kleines Rädchen in der Maschine gewesen sei. Aber wenn er heute hier in seiner SS-Uniform dasäße, würde ich vor Furcht zittern, und all die Schrecken, die ich als Dreizehnjährige erlitten habe, kämen wieder in mir hoch. Für diese Dreizehnjährige verkörperte jegliche Person in dieser Uniform Terror und die Abgründe, in die ein menschliches Wesen sinken kann, egal welche Funktion sie erfüllten. Und heute, im Alter von 85 Jahren, empfinde ich das immer noch genauso.

Zeugenaussage im Prozess gegen Reinhold Hanning: Max Eisen, 18.02.2016

Mein Name ist Tibor Eisen, man nennt mich auch als Max. Ich sage hier heute als Zeuge der Gräueltaten, Schrecken und Entbehrungen aus, die ich in Auschwitz I und Auschwitz II-Birkenau vom Mai 1944 bis zum Januar 1945 erlebt habe. Ich bin am 15. März 1929 in Moldava nad Bodvou in der Tschechoslowakei geboren. Ein Jahr vor dem Krieg wurde das Gebiet, in dem ich lebte, Ungarn angeschlossen. Wie die meisten ungarischen Juden war ich vor der ‚Endlösung‘ der Nazis relativ abgeschirmt, bis zum letzten Kriegsjahr, als die Massendeportation der ungarischen Juden nach Auschwitz begann.

Ich war fünfzehn, als ich im Mai 1944 deportiert wurde – zusammen mit meiner ganzen Kernfamilie und den anderen 450 Juden, die in meiner Heimatstadt lebten. Man brachte uns zu einer Ziegelei in der Stadt Kassa (Košice). Von dort aus wurden wir in Viehwägen geladen. In jeden Wagon wurden ungefähr 100 Menschen gezwängt, und ich musste die gesamte, zwei Nächte und drei Tage lange Fahrt hindurch stehen. Es gab einen Eimer mit Wasser und noch einen zweiten, den wir als Gemeinschaftstoilette benutzten. Das Wasser war fast sofort aufgebraucht und der Eimer wurde nie nachgefüllt. Der andere Eimer schwappte bald über und die Brühe aus Urin und Kot floss über den ganzen Boden des Viehwaggons. Der Gestank, das körperliche Unbehagen, und all seiner Sinne derart beraubt zu sein – das war eine zutiefst entmenschlichende Erfahrung. Zwei Menschen starben in unserem Waggon und wir mussten ertragen, die Reise über ihre Leichen mitten unter uns zu haben. Ich konnte meine Mutter nicht sehen, die meine kleine Schwester Judit noch stillte. Meine beiden jüngeren Brüder konnte ich auch nicht sehen, weil sie zwischen den größeren Menschen verborgen waren. Wir waren voneinander getrennt, konnten nicht miteinander sprechen. Ich weiß noch, dass ich im Stehen eingeschlafen bin, hypnotisiert vom Rattern der Räder auf den Gleisen. Plötzlich weckte mich das Pfeifen der Lok. Ich glaubte erst, ich hätte schlecht geträumt. Doch der Alptraum war die Wirklichkeit.

Als der Zug anhielt, hörte ich, wie die Türen der anderen Viehwaggons geöffnet wurden und dachte, meine Qual sei vorbei. Ich glaubte, dass es wohl nicht schlimmer kommen konnte als das, was ich gerade ertragen hatte. Als unsere Tür aufging, flutete Licht herein und ein Häftling in einer gestreiften Uniform und Mütze brüllte uns an: „RAUS, SCHNELL!“ Wir standen alle auf wackeligen Beinen, waren kaum noch am Leben, gerädert und schwach. Nach dieser aufreibenden Reise waren wir niedergeschlagen, verwirrt und sowohl körperlich als auch geistig erschöpft. Das Verhalten der SS-Männer am Bahnsteig täuschte; sie erweckten den trügerischen Eindruck, alles sei in Ordnung; deswegen bewahrte unsere Gruppe die Ruhe. Ihre Uniformen mit den verschiedenen SS-Insignien und dem Totenkopf auf ihren Mützen verliehen ihnen grenzenlose Macht. Das brutale System fand hier erbarmungslosen Rückhalt.

Meine Familie und ich hatten nur eine oder zwei Minuten zusammen am Bahnsteig, und ich war so froh, meine Mutter und meine zwei Brüder zu sehen. Meine kleine Schwester rührte sich nicht, vermutlich, weil meine Mutter sie nicht hatte stillen können. Wir waren von dem Schock der Reise noch ganz benommen, verwirrt von den barschen Befehlen, die gebellt wurden. Meine Mutter, die sich ganz offensichtlich um unser Wohlergehen sorgte, strahlte immer noch Stärke und Hoffnung aus.

Auf einer Seite des Bahnsteigs loderten Flammen und Rauch auf, und ich dachte, es sei eine Art Fabrik. Ich roch brennendes Fleisch. Hinter dem gleißend hell erleuchteten Bahnsteig lag alles in Finsternis. Die Männer in den gestreiften Anzügen teilten uns mit, dass uns unsere Bündel morgen ausgehändigt würden. Gewaltsam und systematisch trennten sie die Männer und Frauen in zwei Reihen. Alle älteren Männer und Kinder wurden in die Reihe der Frauen hinüber geschickt. Die Männer in den gestreiften Anzügen versicherten uns immer wieder, dass wir uns am nächsten Morgen sehen würden. Keiner verabschiedete sich.

Ich stand mit meinem Vater und meinem Onkel in der Reihe der Männer. Mein Großvater, meine Großmutter, meine Mutter (die immer noch das Baby Judit in Armen hielt), meine zwei kleinen Brüder und meine Tante wurden im Marschschritt weg geführt. Alles ging so schnell, dass wir keine Zeit hatten, klare Gedanken zu fassen. Die Kapos sagten uns, dass wir am nächsten Tag wieder vereint würden. Ich hatte keine Gelegenheit, mit meiner Mutter zu sprechen, wir hatten noch nicht einmal Blickkontakt, und ich konnte ihr keine letzten Worte mehr sagen. Später erfuhr ich, dass meine Mutter, Großeltern und Geschwister alle im Krematorium II vergast worden waren.

Mein Vater, Onkel und ich bewegten uns im Gänsemarsch auf einen SS-Offizier zu, der weiße Handschuhe trug. Er sah sich jeden an, bedeutete mit einer Handbewegung, ob man nach rechts oder nach links gehen sollte. Mein Vater ging zuerst, dann mein Onkel, dann war ich an der Reihe. Er sah mich an und schickte mich in die gleiche Gruppe wie meinen Vater und Onkel. Von SS-Soldaten bewacht marschierten wir durch einen Birkenwald, zusammen mit den anderen Männern, die von unserem Transport ausgewählt worden waren. Wir betraten ein Gebäude, das man die „Sauna“ nannte und wo noch weitere dieser Männer in gestreiften Anzügen uns befahlen, jegliche verbleibenden Dokumente oder Schmuck auszuhändigen und uns nackt auszuziehen. Die Kleider nahmen sie uns weg, die Stiefel durften wir behalten.

            Der nächste Abwicklungsschritt in der „Sauna“ bestand darin, dass die Häftlinge in den gestreiften Anzügen uns die Köpfe, die Achselhöhlen und den Schambereich schoren. Auf ihre Jacken waren Stoffstreifen mit Zahlen und Dreiecken aufgenäht. Der Mann, der in dieser Einheit das Sagen hatte, trug einen Ärmelstreifen mit dem Wort Kapo (das hieß Chef). Der Kapo ließ die Älteren in einer Reihe aufstellen und seine Männer sahen nach, ob die Neuankömmlinge goldene Kronen oder Zahnfüllungen hatten. Wer welche hatte, wurde sofort beiseite genommen und ihm wurden auf der Stelle mit einer Zange die Zähne gezogen. Dann mussten wir uns bücken und es wurde nachgesehen, ob wir irgendetwas im After versteckt hatten.

            Als nächstes kamen die Duschen. Ich hatte in meinem Leben noch keine Dusche gesehen und war von der Anlage völlig beeindruckt. Es gab zahlreiche Duschköpfe und große Räder, mit denen der heiße und kalte Wasserfluss geregelt werden konnte. Obwohl ich zu Hause schon einmal in einer Mikwe (einem rituellen Bad) gewesen war, war ich doch davon eingeschüchtert, nackt vor einer großen Gruppe ebenso nackter Fremder zu stehen. Wir mussten während der Dusche unsere Stiefel auf der Seite abstellen, und wir ließen sie nicht aus dem Auge, weil wir maßgefertigte Stiefel hatten, die noch lange halten würden. Plötzlich fingen der Kapo und seine Gehilfen an, unsere Stiefel einzusammeln. Als mein Vater das sah, warnte er uns, und wir schnappten uns unsere Stiefel und hielten sie unter den Armen, während wir duschten. Ohne Stiefel wären wir in noch größerer Lebensgefahr gewesen. Wer seine Stiefel verlor, bekam mit etwas Glück ein paar Holzpantoffeln. Eigentlich waren es keine Pantoffeln, sondern vielmehr ein 5 x 10 cm großes Stück Holz mit einem angeheftetem Stück Leinen. Unsere Stiefel hüteten wir rund um die Uhr wie unseren Augapfel.

Im Duschraum kam die Grausamkeit der SS-Wachmänner erstmals ans Licht. Während wir duschten, stand ein SS-Mann bei einem der großen Räder, die die Wassertemperatur regelten, und er stellte auf siedend heiß, nur zum Spaß. Als wir heraussprangen, um nicht verbrüht zu werden, prügelte uns ein anderer Soldat mit einem Knüppel wieder zurück unter die Dusche. Dann drehte er das eiskalte Wasser auf. Ein junger Mann, der mit uns duschte, hielt seine Brille in den Händen. Sie hatte sehr dicke Gläser, er war offensichtlich sehr kurzsichtig. Der Wasserschwall riss ihm die Brille aus den Händen, und als er sich hinkniete, um sie zu finden, kam ein SS-Wachmann zu ihm hinüber und trat ihm mit seinen schweren Stiefeln in die Schläfe. Der junge Mann rollte auf die Seite, und der Wachmann stampfte weiter auf seine Brust ein. Ich konnte seine Rippen krachen hören. Der Wachmann, nun völlig in Rage, trat und stampfte weiter auf den Mann ein, bis er tot war. Wir anderen duschten weiter, als wäre nichts geschehen, doch ich war erschüttert und entsetzt. Bis heute begreife ich nicht, was diese schreckliche Tat des Wachmanns ausgelöst hat. Vielleicht fand er es lustig, einen nackten Mann auf allen Vieren zu sehen und wollte ihn noch weiter erniedrigen.

Nachdem die Abwicklung in der Sauna fertig war, wurden wir in eine Baracke geführt, immer noch nackt, wo mir die mittlere Pritsche eines dreistöckigen hölzernen Stockbetts ohne Matratze oder Decke zugewiesen wurde. Nach der Tortur, drei Tage und zwei Nächte an derselben Stelle im Viehwagen stehen zu müssen, erschien mir diese Pritsche geradezu ein Luxus. Vor Erschöpfung schlief ich auf der Stelle ein.

Wir erwachten früh am nächsten Morgen und uns wurde befohlen, uns draußen vor der Baracke aufzustellen, wo ich Auschwitz II-Birkenau zum ersten Mal richtig sah. Es war ein heller, sonniger Morgen. Zwei Häftlinge brachten einen Kanister mit heißem Tee heraus, und wir stellten uns an, um Schüsseln (wir nannten sie Shissels) mit einem Schöpflöffel voll Tee zu bekommen. Das war seit drei Tagen mein erster Schluck Flüssigkeit. Mein Vater fragte die Männer, die den Tee ausschenkten: „Wann sehen wir unsere Familien?“ Der Häftling lachte nur und fragte meinen Vater: „Wo kommt ihr denn her?“ Mein Vater antwortete: „Wir sind gestern Nacht aus Ungarn angekommen.“ Der Häftling sagte: „Es ist 1944 und du weißt nicht, was das hier ist? Eure Familien sind durch den Schornstein gegangen.“ Mein Vater befragte ihn weiter, aber ich konnte das Gespräch nicht verstehen. In meiner Naivität fragte ich mich noch, wie ein Mensch denn bitte sehr durch den Schornstein gehen kann. Bald erfuhr ich, dass man so die Massentötungen im Lager beschrieb.

Man tätowierte uns eine Nummer auf. Mein Vater hatte die A9891, ich die A9892 und mein Onkel Jeno die A9893. Wir bekamen eine gestreifte Uniform, bestehend aus Mütze, Jacke und Hose. Wir hatten weder Unterwäsche noch Socken, Toilettenpapier, Zahnbürsten oder sonst irgendetwas, womit man sich hätte pflegen können. Wir hatten keinen Spind, wo man etwas hätte aufbewahren können. Was auch immer wir noch besaßen, trugen wir Tag und Nacht am Körper.

Etwa hundert von uns wurden zur Feldarbeit ausgewählt und man ließ uns die Straße nach Auschwitz I entlangmarschieren. Dort wurden wir einem Kapo namens Heindrich übergeben, einem mörderischen Psychopathen aus einem deutschen Gefängnis. Heindrich stellte sich vor und teilte uns mit, dass wir nun dem Landwirtschaftskommando angehörten. Der Unter-Kapo hieß Stasek und war ein politischer Häftling aus Polen, der Kommandant war Unterscharführer Kuntz, ein Österreicher. Die ersten paar Tage in diesem Kommando mussten wir mit Sicheln Senfpflanzen ernten, bis zu zehn Stunden am Tag. Meine Hände bekamen Blasen, platzten auf und bluteten. Uns wurden auch andere Schwerstarbeiten aufgetragen, sie aufzuzählen, würde zu lange dauern.

Ich überlebte mit 300 Kalorien pro Tag, bestehend aus einer Tasse Tee am Morgen, einen Schöpflöffel voll wässriger Suppe zu Mittag und einer Tasse Ersatzkaffee, einer dünnen Scheibe Brot und einem winzigen Stück Margarine zu Abend. Diese Kost nahm uns alle schwer mit. Wir magerten schnell ab, bekamen Hungerödeme, und wären mein Vater und Onkel nicht bei mir gewesen, hätte ich nicht einmal die erste Woche überstanden. Ich erduldete die ständige Last der schweren Arbeit, die Prügel, die mangelnde Ernährung, und einen Körper, der nicht mehr mitmachte. Während der Schinderei des Tages bekamen wir keine Flüssigkeit. Ich sah, wie junge Männer um die Zwanzig zusammenbrachen. Sie konnten bei dieser Kost nicht überleben und gaben einfach auf. Der Hunger trieb manche in die Verzweiflung – Entmenschlichung durch Aushungern. Eines Tages bei der Suppenausgabe rauften mehrere Häftlinge miteinander, um sich in den Kessel zu stürzen und den letzten Tropfen zu bekommen. Da habe ich für mich entschieden, dass ich mich nie so gehen lassen würde, komme was wolle.

An einem anderen Tag, als wir von der Arbeit zurückkamen, sah ich meinen Vater und Onkel innerhalb des Tors auf mich warten, wie immer. Meine Einheit kam abends immer als Letzte zurück und ich sah sie immer da stehen und auf mich warten. Manchmal gelang es ihnen, bei einem Arbeitseinsatz ein Stück Brot oder eine Kartoffel abzustauben, und sie teilten ihr Glück immer mit mir. Wenn die Arbeitseinheiten von ihrer täglichen Arbeit zurück ins Lager marschierten, prüfte der diensthabende SS-Unteroffizier am Tor die Gefangenen, ob jemand etwas in der Jacke oder Hose hineinschmuggelte. Wenn sich jemand irgendwie verdächtig verhielt, brüllte er dem Häftling einfach zu, er solle die Hände heben und er zog ihm die Jacke hoch. Wenn der Häftling irgendetwas unter die Achseln geklemmt hatte, fiel es heraus. Die SS holte dann den Schmuggler sofort aus der Reihe und vermerkte seine tätowierte Nummer und Baracke. Später dann beim Appell erfolgte die Bestrafung: manchmal waren es Peitschenhiebe, manchmal wurde man einem Strafkommando zugewiesen. Trotz all dieser Strafen gingen die Häftlinge immer das Risiko ein, etwas ins Lager zu schmuggeln, wenn sie etwas fanden. Wir hielten stets Ausschau nach Gegenständen, die unsere Überlebenschancen erhöhen konnten. Wir nannten das „organizuj“ – organisieren.

An jenem Tag arbeitete ihre Einheit in der Nähe einer Baracke, die „Kanada“ hieß (dort wurden die Habseligkeiten der ermordeten Häftlinge aufbewahrt und aussortiert) und ein Mädchen aus unserer Stadt hatte meinen Vater erkannt und ihm ein in Stoff gehülltes Stück Speck zugesteckt. Mein Vater hatte es unter seiner Jacke ins Lager geschmuggelt. Er ließ das Stück Speck unter meine Jacke schlüpfen, während wir dicht beieinander standen. Mein Onkel gab uns mit seinem Körper Deckung, damit niemand die Übergabe mitbekam. Ich war verblüfft, ein Stück Speck in der Hand zu halten. Wir stammten aus einer traditionellen orthodoxen Familie, wir aßen kein Schweinefleisch, und doch sagte mein Vater mir, ich müsse jeden Tag ein bisschen davon essen.

Als Zwangsarbeiter hatten wir keine Spinde, um irgendetwas aufzubewahren, aber ich schlief auf der obersten Pritsche in meiner Baracke und konnte die Decke erreichen. Noch bevor ich den Speck bekam, war es mir gelungen, eine der Deckenbretter zu lockern und so hatte ich ein kleines Geheimfach, wo ich ein paar Kleinigkeiten versteckte, unter anderem ein paar Fetzen Stoff. Da versteckte ich den Speck. In den folgenden Nächten, wenn das Licht aus war und jeder auf seiner Pritsche lag, wartete ich, bis alle eingeschlafen waren. Wenn ich mir ganz sicher war, dass mich keiner sah, öffnete ich das Deckenbrett und holte den Speck hervor, der in den Stoff gehüllt war. Ohne Messer oder Besteck kaute ich ein kleines Stück von dem Speck. Ich konnte förmlich die Energie, die von der Nahrung kam, durch meinen Körper strömen fühlen. Jede Nacht nahm ich einen Bissen, diese kleine Dosis Energie, und ich bin überzeugt davon, dass dieses kleine bisschen Eiweiß mir die Kraft gab, mich dem nächsten Tag zu stellen.

Anfang Juli wurde wieder aussortiert. Diesmal waren mein Vater, mein Onkel und ich in verschiedenen Blöcken. Ich wurde von brüllenden Stimmen aus dem Tiefschlaf geweckt. Sie riefen: „RAUS! SELEKTION!“ Inzwischen wusste ich schon, was Selektion hieß. Ich weiß noch, dass ich mir wünschte, der Erdboden würde mich verschlingen. Man konnte sich nirgendwo verstecken. Wir mussten nackt im Gänsemarsch durch eine Baracke gehen, wo die SS-Ärzte uns untersuchten. Ein Mann genau vor mir wurde aufgehalten, und ich ging weiter durch die Tür. Hätte ich auch nur einen Sekundenbruchteil gezögert, wäre ich ganz bestimmt auf die Liste für die Gaskammer gekommen. Ich machte mir Sorgen, ob mein Vater und Onkel es geschafft hatten. Ich erfuhr es erst am nächsten Morgen, als ich zu ihrer Baracke rannte und sie nicht da waren. Ich wusste, das Schlimmste war eingetreten. Ich musste zum Appell zu meiner Baracke zurückrennen, und den Rest des Tages verzehrte mich die Sorge. Als ich am Abend von der Arbeit zurückkehrte, rannte ich zum Quarantänebereich und rief nach ihnen. Zum Glück kamen sie an den Zaun und wir hatten nur ein paar Sekunden Zeit, um Abschied zu nehmen. Der SS-Wachmann im Turm war nur 30 Meter weit entfernt, und er brüllte mir zu, ich solle verschwinden oder er würde schießen. Mein Vater segnete mich und sagte mir, wenn ich überlebte, müsste ich der Welt erzählen, was hier geschehen ist. Dann sagte er, ich solle mich beeilen und fortgehen, und das was das letzte Mal, dass ich ihn sah. Ich war was am Boden zerstört, nun ganz allein zu sein.

Vor zwanzig Jahren fand der ehrenamtlich im Museumsarchiv Auschwitz tätige Dr. Carson Phillips Unterlagen der Nazis, aus denen hervorgeht, dass mein Vater und Onkel am 9. Juli 1944 für medizinische Experimente ausgewählt wurden. Dieses Dokument ist ihr Testament und Todesurteil zugleich. Ich möchte diese Dokumente in der deutschen Originalfassung sowie in der englischen Übersetzung zusammen mit meiner Aussage als Beweismittel beim Gericht einreichen.

Kurz nachdem mein Vater und Onkel ausselektiert worden waren, bekam ich von einem SS-Wachmann einen lebensgefährlichen Schlag auf den Schädel versetzt. Ich verlor eine Menge Blut und befand mich im Schockzustand. Man warf mich einfach da, wo wir gerade arbeiteten, in einen Graben. Meine Füße trugen mich nicht mehr. Am Ende des Tages lud man mich auf eine Karre mit all den Schaufeln und anderen Werkzeugen. Meine Mitgefangenen brachten mich ins Lagerlazarett in Block 2l.

Ärzte, die Häftlinge waren, operierten mich. Ein paar Tage später legte man mich und andere verletzte Gefangene auf eine Bahre, mit Ziel Gaskammer Birkenau. Dr. Tadusz Orzeszko, ein politischer Häftling aus Polen und Chefchirurg in Block 21, rettete mich von der Bahre und brachte mich zurück ins Lazarett. Er gab mir einen Arztkittel und sagte mir, ich sei nun ein Operationsgehilfe. So wurde ich Zeuge dessen, dass dieses kleine Lagerlazarett Teil der ganzen Täuschung war. Patienten hatten keine Zeit zu genesen; viele von ihnen wurden kurz nach der medizinischen Behandlung auf Laster geladen und zu den Gaskammern in Birkenau gebracht. Die Lasterfahrer kamen einige Stunden später zurück in den Operationssaal, wo sie blutige Lappen aus ihren Hosentaschen zogen. Die Lappen waren voller Zähne mit Goldkronen und Füllungen, die ich dann mit den mir zur Verfügung stehenden Instrumenten entfernen musste. Ich war entsetzt über diese Fledderei, wie sich Leute auf so grausame Weise bereicherten.

Reinhold Hanning leugnet vielleicht seine Rolle in diesen Gräueltaten. Ich erinnere mich zwar nicht an sein Gesicht, aber ich kann Ihnen sagen, dass ich von dem Augenblick an, als ich im Mai 1944 in Birkenau aus dem Viehwagen stieg – benommen vor Mangel an Schlaf, Essen und Wasser – Zeuge der Grausamkeit der SS-Wachmänner wurde, die das Lager kontrollierten. Jeder von ihnen war ein Rädchen in einer gut geölten Maschine der Zerstörung. Jeder spielte seine Rolle in der Entmenschlichung der Zwangsarbeiter, jeder trug damit zum Völkermord an den Juden bei.

Zum Abschluss meiner Aussage möchte ich dem Gericht und Reinhold Hanning sagen, dass ich bis zum heutigen Tag mit diesen entsetzlichen Erinnerungen leben muss, mit dem unaussprechlichen Trauma von Auschwitz, mit den Alpträumen über meine Erlebnisse dort. Ein bestimmter Alptraum kehrt immer wieder. Da sehe ich meine Großeltern, meine Mutter, meine drei Geschwister und meine Tante, in eine überfüllte Gaskammer gesperrt, ich sehe das Gas vom Boden zur Decke aufsteigen und sie alle einhüllen. Ich sehe sie ersticken und sterben, während die SS-Offiziere den Todeskampf durch Gucklöcher aus Panzerglas beobachten. Dieses Bild wird mich nie verlassen.

Presseerklärung der Nebenklägervertreter Thomas Walther, Cornelius Nestler, Manuel Mayer vom 10.02.2016

Nebenklägervertreter:

Rechtsanwalt Thomas Walther

Prof. Dr. Cornelius Nestler

Rechtsanwalt Manuel Mayer

 

Zur Hauptverhandlung gegen Reinhold Hanning vor dem Landgericht Detmold

Wir sind Nebenklägervertreter von mehr als 25 jüdischen Mandanten, deren nächste Angehörige zwischen Januar 1943 und Juni 1944 in Auschwitz ermordet wurden. Fast alle unserer Mandanten wurden auf der Rampe zur Arbeit selektiert und haben erst Auschwitz und dann Todesmärsche und andere Lager der SS überlebt.

Die Nebenkläger verbinden mit dem Strafverfahren die Hoffnung auf Gerechtigkeit

Der Angeklagte Hanning steht wegen seiner Beteiligung an der Ermordung von Eltern und Geschwistern unserer Mandanten sowie der Vernichtung ihrer Familienverbände vor Gericht. Mehr als 70 Jahre sind seitdem vergangen. Schmerz und Verlust, Jahrzehnte verzweifelter Alpträume über die Hölle von Auschwitz werden vor dem Landgericht Detmold durch jene Überlebenden, die in der Hauptverhandlung Zeugnis ablegen werden, präsent sein.

Die Nebenkläger wollen damit auch der Öffentlichkeit vor Augen führen, was das Menschheitsverbrechen des „Holocaust“ ihnen selbst und ihren Familien zugefügt hat. Den Nebenklägern ist es wichtig, dem Gericht die Folgen der Beteiligung des Angeklagten an diesen Mordtaten in ihrem eigenen Leben zu beschreiben.

Gerechtigkeit wird den Nebenklägern nur dann gegeben, wenn nicht nur Zahlen ermordeter Opfer im Prozess genannt, sondern Eltern und Geschwistern eine Stimme gewährt und ihr Abbild lebendig wird. Der Gerichtssaal ist der Raum, in dem durch Achtung der Nebenkläger geraubte Menschenwürde zurückerstattet werden kann.

Die Nebenkläger haben sich im vollen Bewusstsein der eigenen großen Belastung für die Teilnahme an diesem Verfahren entschieden. Sie wollen diese Last auf sich nehmen, weil sie auch in ihrem hohen Alter glauben, ihren ermordeten Familien diese Beachtung in einem deutschen Gerichtsverfahren zu schulden.

Das Versagen der Justiz und die Anklage in Detmold

Ein fast 50 Jahre andauerndes Versagen der Justiz wird in diesem Strafverfahren erneut deutlich werden, kann aber auch durch dieses Strafverfahren eine wichtige Korrektur erfahren. In diesem Strafverfahren wird es wie im Strafverfahren gegen Oskar Gröning vor dem Landgericht Lüneburg erneut darum gehen, nach einer jahrzehntelangen Praxis der

Nichtaufnahme von Ermittlungen oder von Einstellungen der Strafverfahren gegen SS-Angehörige in Auschwitz den Maßstäben, die in jedem „normalen“ Strafverfahren für schuldhaftes Verhalten damals wie heute gelten, endlich Geltung zu verschaffen.

Besonders wichtig aber wird sein, dass in diesem Verfahren zum ersten Mal der arbeitsteilig organisierte Massenmord in Auschwitz in seinem ganzen Umfang angeklagt ist. Bis zur Anklage gegen Hanning haben die Staatsanwaltschaften Angehörige der Wachmannschaften in Auschwitz allein wegen der Ermordung der Menschen angeklagt, die unmittelbar nach ihrer Ankunft auf der Rampe für den Tod in den Gaskammern selektiert wurden. Aber der Massenmord in Auschwitz war mehr, er umfasst auch die Ermordung der Häftlinge im Lager, die zu krank und zu schwach für einen Arbeitseinsatz waren und dann in den Gaskammern vernichtet wurden. Und zum Massenmord in Auschwitz gehört die gezielte Vernichtung durch die Lebensverhältnisse, vor allem der systematisch geplante grausame Tod durch das Verhungern Lassen vieler tausender Häftlinge.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Strafverfolgung von NS-Verbrechen durch die Deutsche Justiz wird daher vor dem Landgericht Detmold der wahre Umfang der Beteiligung am Massenmord in Auschwitz angeklagt:  Die Aufgabe eines Wachmannes bestand darin, ALLE diese Formen des Massenmordes in Auschwitz möglich zu machen. Der frühere hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer ist schon vor einem halben Jahrhundert dafür eingetreten, dass nur eine so umfassende Anklage der Mitverantwortung der SS-Angehörigen am Massenmord in Auschwitz gerecht wird, aber er war 1965 vor dem Frankfurter Landgericht gescheitert. Es ist das besondere Verdienst der Staatsanwaltschaft Dortmund, mit ihrer Anklage endlich auch im Gerichtssaal deutlich zu machen, was Auschwitz war: INSGESAMT eine Einrichtung zum Massenmord.

Die Nebenkläger haben mit der Zulassung der Anklage durch das Gericht die berechtige Hoffnung, dass die deutsche Justiz nun endlich die richtigen Maßstäbe dafür findet, wie die Tätigkeiten der SS-Angehörigen in Auschwitz zu bewerten sind: Als Beteiligung am Massenmord, der sowohl an den Menschen stattfand, die gleich nach ihrer Ankunft ermordet wurden, aber auch an denen, die erst später systematisch ermordet wurden.

Die Hauptverhandlung verspricht Gerechtigkeit, wenn auch viel zu spät

                                                                                             Detmold, den 10. Februar 2016

Presseerklärung zum Urteil gegen Oskar Gröning, vom 15.07.2015

Wir Nebenkläger begrüßen die Verurteilung von Oskar Gröning. Ein ganzes Menschenleben haben wir auf diesen Satz gewartet: „Auschwitz war eine auf die Tötung von Menschen ausgerichtete Maschinerie“ – so der Vorsitzende Richter Kompisch in seiner mündlichen Urteilsbegründung. Jeder, der daran mitgewirkt hat, hat sich der Beihilfe zum Mord strafbar gemacht.

1977 wurden zum ersten Mal Ermittlungen gegen Gröning wegen seiner Beihilfe zum Mord eingeleitet. Dieses Urteil stellt nach nunmehr 38 Jahren fest: Wer durch seine Tätigkeit den Massenmord in Auschwitz gefördert hat, ist wegen Beihilfe zum Mord strafbar. Die deutsche Justiz ist mit diesem Urteil endlich, wenn auch viel zu spät, den Grundsätzen gefolgt, die der Generalstaatsanwalt Fritz Bauer vergeblich schon im Frankfurter Auschwitz-Prozess von 1963 etablieren wollte. Und nach Jahrzehnten, in denen die Staatsanwaltschaft beim Landgericht Frankfurt am Main immer wieder das Strafverfahren gegen Gröning eingestellt oder sich gegen eine Wiederaufnahme gesperrt hat, steht es nun fest: „Auschwitz war ein Ort, an dem man nicht mitmachen durfte.“

Der Angeklagte hat sich diesen Satz der Nebenkläger in seinem Schlusswort ausdrücklich zu eigen gemacht und er hat hinzugefügt: Ich hätte damals Auschwitz verlassen müssen. Es tut mir ausdrücklich leid, dass ich nicht so gehandelt habe.

SS-Angehörige wie Gröning, die bei der Ermordung unserer Familien mitgewirkt haben, haben uns lebenslanges und unerträgliches Leid zugefügt. Weder das Strafverfahren noch die Worte des Angeklagten können dieses Leid lindern. Es erfüllt uns mit Genugtuung, dass nunmehr auch die Täter Zeit ihres Lebens nicht vor einer Strafverfolgung sicher sein können.

Dennoch begrüßen wir es, dass sich nach über einem halben Jahrhundert der Strafverfolgung von NS-Verbrechen zum ersten Mal ein Angeklagter ausdrücklich zu seiner Schuld bekannt und sich dafür entschuldigt hat. Und dieses Strafverfahren hat besonders denen von uns, die noch dazu fähig waren, vor das Gericht zu treten und auszusagen, dabei geholfen, in Zukunft besser mit unserem Leid zu leben. Denn wir konnten Zeugnis ablegen über das ungeheuerliche und unsagbare Verbrechen, das an uns und unseren Familien begangen wurde. Wir konnten unser Leid schildern. Wir konnten unseren Angehörigen, die häufig nur als Zahl in den unfassbaren Dimensionen des Genozids an den Juden aufscheinen, einen Namen und ein Gesicht geben.

Dieses Urteil ist ein später, leider allzu später Schritt hin zur Gerechtigkeit.

Für die von Ihnen vertretenen Nebenkläger, Rechtsanwälte Walther, Dr. Ebert, Feld , Mayer und Prof. Dr. Nestler.

Kathleen Zahavi

May 9, 2015

The Trial of Oskar Groening  –  Statement of Kathleen Zahavi

I.              BACKGROUND

  1. I was born Kathleen Politzer on April 27, 1929 in Nyiregyhaza, a small city in Hungary, about 30 km from Budapest. It was a close-knit community.
  2. Our immediate family consisted of my father, Miksa Politzer, who owned a houseware store and worked on roofs, my mother, Rosa Politzer, (Neé Weinberger) and two older sisters, Ilona Klein (married) (14 years older than me) and my other sister (14 months older) named Magda. Between my mother and father there were 14 siblings. I had many cousins. We had wonderful times together and enjoyed many holidays with our extended family. In the summertime, I sometimes went to work with my father. I remember my uncle coming often to pick me up in a horse drawn carriage to take me to a farm to play with my cousins. There were five female cousins who I often played with. None of them survived the holocaust.
  3. There were about 10,000 Jews with an orthodox synagogue and a conservative synagogue in our city. My family belonged to the conservative synagogue. I also had many friends growing up, both Jewish and non-Jewish.
  4. My elementary school was in the same building as our synagogue. It was an all Jewish school. My high school was mixed, Jews and non-Jews. I continued to have a Jewish education in high school as once a week a rabbi would come into our school and teach us Hebrew and Jewish history. High school was where I first began to experience anti-Semitism. I had a math teacher who hated Jews and a physics teacher who always picked on us because we were Jewish. At that age, I simply could not understand what we would have done to make them hate us so much.
  5. Anti-Semitism was already rampant in Europe. Many people stopped shopping at Jewish stores, but they continued to shop at my father’s houseware store because he was a very respected man and he did not look very Jewish.

II.             GERMANS OCCUPY HUNGARY

  1. On March 19, 1944 the Germans occupied Hungary. At first we were not affected.
  2. Later the Jewish children could no longer attend school. I would always see the Gestapo around wearing their long coats.
  3. On April 5, 1944 every Jew had to wear a yellow star on their clothes. When I was just finishing high school and we were taking the graduation photo, I remember my teacher telling me to try and hide my yellow star for the picture. I told her I would not because if I was forced to wear it everywhere else, why should I hide it for a picture?
  4. Along with the Gestapo, there were also Hungarian Gendarmes, who were local police. They were horrible to everyone.
  5. My brother-in-law was taken away by the Hungarian government to be part of a Jewish army. My father was taken away also and I never saw him again.
  6. On April 28, 1944 the Gendarmes were told to round up the Jews. They came to our house and told us to pack only what we absolutely needed and that we were going to a ghetto where Jews already lived. We didn’t have time to collect much of our belongings. I only remember bringing my toothbrush and whatever clothes I was wearing. We walked to the ghetto. We never returned to our house.
  7. In the ghetto, my immediate family lived with my two uncles, one with 3 children, and one with 5 and my aunt who had 2 children. The ghetto was completely closed off and no one could come in or out.
  8. Around May 6, 1944 the Gendarmes came for us in horse carriages and took us out of the ghetto. The Gendarmes took orders from the SS. I stayed together with my mother, my two sisters, and my aunt. Our family was taken to places called Harangod, which was situated on the outskirts of my city. Many Jews were brought there. It was even worse there than in the ghetto. The Gendarmes told us nothing. They only gave us orders. We were in stables.
  9. We had no washrooms, no showers, and we slept on a concrete floor. One day on or about May 16 or May 17 the Gendarmes told us we had to take even fewer belongings with us and march to the train station. Everyone marched together, women, children, old people, and pregnant women with babies.
  10. When we arrived at the train station, we saw many cattle cars. We were shoved in, as many people as they could fit into each car. When one was full, they closed the doors and filled the next. We really had no idea where we were going and what was going on.
  11. I was 15 at the time so maybe my mother and aunt knew a little more than I did. The conditions on the train were so horrible that many old people and children could not survive. There was one pail in the middle of the cattle car and we were told to use it as our washroom. There was another pail with some water in it.
  12. We had very little water and no food. I remember being in that car for several days.
  13. It was horrifying. People were dying all around me and the train stopped a few times to empty the pail and the dead bodies were thrown out. The train kept moving. We felt like animals. Actually, we were treated worse than animals.

III.           ARRIVAL IN AUSCHWITZ

  1. We arrived at the concentration camp before nightfall in “Auschwitz”, (“Lager”, in German). They opened the sliding door. Again, whoever survived, got off and they threw out the dead bodies with no respect for them. It was horrible. We were all very scared.
  2. As I got off the train, carrying my few remaining personal items, I saw 4 or 5 German SS soldiers in dark uniforms and boots standing at the gate. They were very aggressive. They were yelling at us to get in line. We were confused and had no idea where we were. One thing I distinctly remember was the 10 or 15 German shepherd dogs who were barking at us, held back on their leashes. I can still hear the barking even now. I can also recall seeing people in striped outfits.
  3. If anyone tried to run away, the German soldiers would either shoot them or let the dogs run after them as they were trained specially by the German army to be vicious.
  4. I was still together with my mother, aunt and two sisters when we got off the train. There was an SS man there who essentially was deciding who would live and who would die. We had to line up and then the SS man would send people either right or left. He kept yelling “MACHT SHNELL”, in German which meant “move fast”.
  5. They wanted to keep the younger and stronger people for work but they had no use for the weaker and older people.
  6. My mother and aunt were in their 50s or 60s so they were sent to the left and I never saw them again. We didn’t even have a chance to say goodbye. Anyone pregnant or with a young infant went straight to the “left”. This line went straight to the gas chamber as we found out later.
  7.  I was small and skinny but my sister was holding me very tight so we were able to stay together and we were sent to the right.
  8. Then my two sisters and I were taken to a public washroom with female German soldiers. The barrels of the soldiers’ guns pushed us forward. The female soldiers stayed with us and told us to take our shoes off. The soldiers were all trying our shoes on but luckily mine did not fit any of them so I got them back.
  9. Afterwards, we were taken to another room where they shaved our heads. I was reunited with my sisters there and they made us strip down and we were given other clothes.
  10. There was A, B, and C camps with huge barracks numbered 1 – 11. I was put along with my sisters in camp C barrack 11. The barracks were like long warehouses with a concrete step in the middle. There were 30 or 40 women in our barrack.
  11. Along the sides, there were wooden bunk beds three levels high. Each bunk had a number. We were told to go in so we all found a place on the beds and we went in and lay down on the hard wood bunk.
  12. We had a “Block Eltezte” who was a Jewish woman in charge of the barrack. Her name was Alice and she was about 19 from Czechoslovakia. She had been in Auschwitz for 3-4 years so she resented us Hungarian Jews because we had only just arrived.
  13. One day, she was standing in the middle of the barrack and we asked her where our parents were. Her response has haunted me for my whole life. She called me over to a spot where we could see outside. She then pointed to the smoke coming from one of the buildings in the camp and said “there, that’s where your parents are.”
  14. It was so difficult for me to accept that my parents were murdered.
  15. We later found out that there were showers and those people who were sent left upon arrival went in but instead of water, gas came out of the showers. Some people died, some burned, and some pretended they were dead. Once in a while someone could survive by hiding among the dead bodies.
  16. There was a fence around the camp made of steel. Some people tried to go to the fence and they were electrocuted, as the fence was electric which we did not know in the beginning.
  17. In the mornings it was very cold out but every single morning around 3 or 4 o’clock we had to get up, go outside and stand in lines of 5. The Capos and the soldiers counted us.
  18. I would say there were around 300-400 people outside every morning. One thing I remember was that if someone was cold and decided to bring a blanket, they were taken and shot on the spot.
  19. Dr. Mengele was there with a few helpers from time to time. He would pick out all of the people that looked sick and send them away. I was very small so the other people from my barrack would hide me in the rows so I wasn’t chosen.
  20. One time, as I was walking back into the barrack Mengele put his arm on my shoulder and said, “You, out!” Across the street was Block 8, where I was taken. It was all children and I saw many friends of mine from before the war. When I got there, they began to count us right away. However, it started to rain so they decided to have us all go in and they would count us the following day. They hadn’t taken my number yet. I could not really imagine what I would do without my sisters so I just got up and ran back to Block 11 as fast as I possibly could.
  21. When I got to my block, Alice told me to go in immediately and hide in the beds. The next morning, Block 8 was empty. The kids had all been taken to the gas chambers 22. We were in Auschwitz for another few months and the conditions were just horrible.
  22. My sister Ilona always volunteered to help bring the food from the kitchen, which was 1km away, at 5 o’clock in the evening every day. By doing this, she was able to get us a little extra food.
  23. One day we were told that we were being taken to work. They took us, roughly 400 Hungarians, and put us on a train to Dachau. After that, we were taken to Bergen Belsen, where my sister Ilona died just after liberation.
  24. In all I lost over one hundred members of my family in the different camps.
  25. My sister Magda and I went back to Nyiregyhaza to stay with relatives.

IV.        CONCLUSIONS:

  1. I will never be able to erase from my mind the day my life was shattered and how I was deprived of my youth, family and friends.
  2. Mr. Groening. In the news, you admitted to being morally responsible and you say you regret what you did, but that is not enough. You volunteered to be a member of the SS in the Nazi party. Yes, you are 93 now, but you have to carry the burden that you created for yourself when you were a young man. You knew what was happening in Auschwitz and you were very much a part of the horrors that took place that my family and so many others were forced to suffer. I hope that you will continue to remember these horrifying images for the rest of your life.
  3. Why were you permitted to grow old a free man after the atrocities you saw happening and in which you participated? My parents never had a chance to grow old like you; they did not walk me down the aisle at my wedding nor were they even there. They never had a chance to experience the joy of being grandparents. My children also never had the privilege of having grandparents.
  4. After liberation, I was free but not the same way you were. I had lost my parents, my treasured sister Ilona, virtually all of my cousins, my aunts and uncles and all of my childhood friends. Over 100 of my family members perished.
  5. My one sister Magda survived and is living in Israel with her husband and her children and grandchildren. She is a sad person and has never recovered from her experiences in the death camps.
  6. Today, I live in Toronto, Canada. I have two children, my daughter Irrit Ilana who is a retired teacher is named after my sister Ilona. Irrit is married to Gary, a lawyer, and they have two wonderful children, Daniel and Eric. My son Michael is a doctor and he is here with me in the courtroom today, to support me as I face Mr. Groenig, a demon of my past. Michael is married to Cindy, who is also a lawyer. They also have two beautiful children, Shawn and Erin. So the Nazis did not take us all.
  7. I will never forget or forgive. There can never be justice for me. At 86 years of age, I have come all this way from Canada because it is the least I can do for the memory of my lost family and friends who perished in Auschwitz and the other inhumane death camps.
  8. In closing, I want to personally thank Judge Thomas Walther for all that he has done, not only for the survivors of the Holocaust and our families, but for all mankind in helping to bring the accused to justice. His years of persistence have paid off.

Plädoyer Prof. Dr. Cornelius Nestler vom 8. Juli 2015

Am Ende einer jeden Hauptverhandlung in Strafsachen sind drei Fragen zu beantworten: Was hat der Angeklagte gemacht, wie ist sein Verhalten rechtlich zu bewerten, welche Strafe bekommt er ?

Aber in diesem Strafverfahren geht es zusätzlich um zwei weitere Fragen. Die eine lautet: Warum jetzt noch ? Welchen Sinn macht es, gegen einen 94jährigen Angeklagten 71 Jahre nach seinen Taten eine Hauptverhandlung durchzuführen und ihn schuldig zu sprechen ? Diese Frage hat Thomas Walther für unsere Mandanten beantwortet.

Sein Plädoyer zeigt: Dies ist nicht ein Verfahren, dessen Legitimität sich wie in jedem „normalen“ Strafverfahren allein formal bemisst, nämlich nach der Frage, ob es einen hinreichenden Tatverdacht gibt, der nach unserer Rechtsordnung zur Anklageerhebung und zur Durchführung einer Hauptverhandlung verpflichtet. Sondern diesem Verfahren verleihen die Nebenkläger seine eigentliche Legitimität. Denn ganz unabhängig davon, wozu die deutsche Gesellschaft und ihr Justizsystem verpflichtet sind – die Durchführung dieses Verfahrens war notwendig, um den Opfern Genugtuung und letzte, allzu späte Gerechtigkeit zu verschaffen, und den Nebenklägern den Raum zu geben, die Stimme für die Opfer zu erheben.

Ich werde im Folgenden der zweiten Frage nachgehen, die auch in dieser Hauptverhandlung immer wieder am Rand angesprochen wurde, die aber vor allem auch die öffentliche Wahrnehmung dieses Verfahrens prägt: Warum erst jetzt ? Warum hat es so lange gedauert, bis Herr Gröning angeklagt wurde ?

Den Berufsrichtern, den Staatsanwälten und einigen der Nebenklägeranwälte sind die Grundzüge meiner folgenden Antwort bekannt und vor allem auch jene Unterlagen, die sich dazu in den Akten befinden. Und mir ist bewusst, dass sich jeder Verfahrensbeteiligte in diesem Verfahren auch immer der Frage stellen muss, ob sein Agieren vor dem Hintergrund der zeitlich begrenzten Belastbarkeit des Angeklagten zu rechtfertigen ist. Aber wann und wo, wenn nicht hier und heute am Ende dieser Hauptverhandlung, ist der richtige Ort um eine Antwort zu versuchen, wie es dazu kommen konnte, dass ein SS-Angehöriger, der an der Ermordung der Juden in Auschwitz mitgewirkt hat, erst 70 Jahre später vor Gericht steht. Warum ein Angeklagter, von dem die Strafverfolgungsbehörden spätestens seit seiner ersten Beschuldigtenaussage im Jahre 1978 ziemlich genau das wissen, was nunmehr Gegenstand der Anklage ist, erst heute vor Gericht steht, nach mehr als drei Jahrzehnten. Unsere Mandanten haben uns immer wieder diese Frage gestellt, und ich bin mir sicher, dass gerade auch der Angeklagte gespannt ist, die Antwort zu hören.

Die Geschichte der Nicht-Verfolgung dieses Angeklagten wie tausender anderer Angehöriger der SS, die am Massenmord in Auschwitz mitgewirkt haben, kann in vier Phasen eingeteilt werden:

Die erste Phase ist die Zeit, in der es generell keine systematische Ermittlung des Massenmordes in Auschwitz durch die deutsche Nachkriegsjustiz gab. Diese Untätigkeit ist Ausdruck der Vergangenheitspolitik (ich benutze diesen Begriff ausdrücklich anstelle dem der Vergangenheitsbewältigung) der neuen Bundesrepublik, diese Untätigkeit ist Ausdruck der Verweigerung der Nachkriegsgesellschaft, sich ihrer Vergangenheit und damit auch der Verantwortung für die Shoa zu stellen. Erst mit dem Ulmer Einsatzgruppenprozess von 1958 wird politisch wie justizorganisatorisch offenkundig, dass eine Justizpraxis, die auf den Zufall einer Anzeige wartet, die im Einzelfall den Verdacht der Beteiligung am staatlich organisierten Massenmord an den Juden formuliert, nicht ausreicht: Und mit der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen mit Sitz in Ludwigsburg (im Folgenden von mir als Ludwigsburg bezeichnet), wird nun eine Institution geschaffen, die systematisch Ermittlungen auch gegen Angehörige der SS in den Vernichtungslagern und darunter auch in Auschwitz aufnimmt.

Die anschließende zweite Phase ist die des großen Frankfurter Auschwitzprozesses. Sie endet mit der Revisionsentscheidung des 2. Senats des Bundesgerichtshofs im Jahr 1969. Oskar Gröning ist in dieser Zeit, nach allem, was wir wissen, noch gar nicht auf dem Bildschirm der Strafverfolgungsbehörden. Dennoch ist dieses Strafverfahren für die weitere Geschichte der Strafverfolgung von SS-Angehörigen, die an der Ermordung der europäischen Juden beteiligt waren, von herausragender Bedeutung. Denn hier wurden rechtliche Weichen gestellt, die bis in die heutige Zeit hineinwirken.

Der Anklage gegen Mulka u.a. vor dem Landgericht Frankfurt ging es nicht nur um die fabrikmäßig organisierte Vernichtung in Auschwitz-Birkenau, sondern das Konzept der Anklage bestand gerade auch darin, über die Auswahl der Angeklagten und der ihnen vorgeworfenen Taten alle weiteren Formen des täglichen Mordens in Auschwitz (etwa: Selektionen unter den nicht mehr arbeitsfähigen Lagerhäftlingen zum Zweck der Vergasung; Massenerschießungen; Morde zu medizinischen Zwecken; willkürliche Einzeltaten) zu dokumentieren. Das Konzept von Fritz Bauer, dem spiritus rector dieser Anklage, bestand aber nicht nur darin, ein Kaleidoskop von Auschwitz zu präsentieren, sondern die Morde in Auschwitz wurden auch rechtlich als ein Monumentalfoto pyramidenförmig arbeitsteilig organisierten Massenverbrechens bewertet, das heißt als eine Tat. Dieses Konzept und vor allem die praktische Konsequenz, dass dann jeder, der zum Lagerpersonal gehörte, sich schon allein durch seine Zugehörigkeit zum Lagerpersonal an dieser einen Tat, dass heißt an der Tötung aller Menschen, die im Lager ermordet wurden, beteiligt hatte, wollte das Landgericht Frankfurt aber gerade nicht mitmachen. Im Gegenteil: Das Urteil zerlegt den industriell organisierten Massenmord in kleinste Einzelteile, atomisiert ihn, wie Bauer das genannt hat. Dieses Vorgehen war nicht nur historisch falsch, sondern es funktionierte nur, indem tatsächlich geradezu absurd und in der Konsequenz dann rechtlich falsch gewertet wurde.

Das Urteil wird somit zum Abbild der Weltsicht des Vorsitzenden Richters Hofmeyer, der sich zunächst gegen dieses Großverfahren gewehrt hatte, sondern lieber gegen jeden einzelnen Angeklagten ein eigenes Verfahren geführt hätte. Das ist eine Sicht auf Auschwitz, die – so wird man bei einem ehemaligen Stabsrichter der Wehrmacht, d.h. einer Tätigkeit, mit der das NS-System mit Hilfe der drakonischen Härte der Todesstrafen bis zum Untergang gestützt wurde, mutmaßen dürfen – das ist eine Sicht, die möglichst große Distanz zu jeder systemischen Verstrickung in die NS-Verbrechen herstellen will, und daher den Blick möglichst nur auf den Einzelnen und seine Taten fokussiert.

Am Beispiel von Mulka, dem Hauptangeklagten und stellvertretenden Lagerkommandanten, zeigen sich die Konsequenzen dieser eingeengten Perspektive überdeutlich. Mulka war, das wird in der Anklage wie sogar in den Urteilsfeststellungen des Auschwitzurteils umfassend beschrieben, für das Funktionieren gerade auch der Vernichtung in den Gaskammern verantwortlich. Aber dem Gericht reicht diese Funktion alleine nicht aus. Es begibt sich auf die Suche nach der konkreten Einzeltat und findet sie in der Weiterleitung von zwei Einsatzbefehlen nach der Ankündigung von RSHA-Transporten, der Oberaufsicht auf der Rampe in einem Fall, und dem Auftrag, die Dichtung der Gaskammern zu verbessern – am Ende steht eine Verurteilung in diesen vier Fällen. Man fragt sich, wie das Gericht wohl entschieden hätte, wenn es nicht während der Beweisaufnahme diese vier Handlungen hätte feststellen können – etwa ein Freispruch für den Adjutanten des Lagerkommandeurs von Auschwitz ? Und wie kommt das Gericht zu dieser Betrachtung, die Bauer treffend als Aufklärung von Details im Zeitlupenstil (Juristenzeitung 1967, 627) gekennzeichnet hat ? Das liegt daran, dass das Gericht als Haupttat immer nur eine Vernichtungsaktion begreift. Das ist dann bei der Ermordung der Menschen aus den RSHA-Transporten die Ermordung der Menschen aus einem Transport. Aber wenn es bei der Shoa, der Ermordung der 6 Millionen Juden, einen Tatkomplex gab, auf den die Kriterien einer Tat i.S.d. der natürlichen Handlungseinheit zutrafen, das sind: Einheitliche Planung, räumliche Begrenzung, gleichförmiger Ablauf – dann ist das die Vernichtung der Juden, die auf der Rampe in Auschwitz selektiert und dann in den Gaskammern ermordet wurden. Die entscheidenden Sätze, mit denen das Landgericht Frankfurt in seinem Urteil diese Konsequenz vermeidet, lautet: „Die einzelnen Vernichtungsaktionen erfolgten jeweils durch besondere Willensbetätigungen der zum Rampendienst eingeteilten SS-Angehörigen.“ Und – zu diesen besonderen Willensbetätigungen, also ihren Handlungen, „(mussten) sich die damit befassten SS-Männer jeweils neu entschließen.“ Das ist grotesk: Jeden Morgen beim Aufwachen, oder jeweils, wenn die Anordnung kam, Rampendienst zu machen, sollen sich die Männer wie der Anklagte Gröning neu entschlossen haben mitzumachen ? Wie soll man sich diesen täglich neuen Willensentschluss vorstellen – heute mach ich es noch mal, aber morgen vielleicht nicht ? Das ist – gelinde gesagt – absurd. Nach allem, was wir über die Täter in Auschwitz wissen, haben sie sich am Anfang ihrer Tätigkeit entschlossen, mitzumachen, und nicht etwa jeden Tag aufs Neue.

Der zweite Senat des Bundesgerichthofs hat dieses Urteil von 1965 in seiner 4 Jahre später ergangenen Revisionsentscheidung gehalten. Aber jedem Jurist, der nicht blind ist für die praktisch-politischen Umstände dieser Entscheidung musste und muss klar sein: Wäre der Senat der Auffassung Bauers und der Revision der Staatsanwaltschaft Frankfurt gefolgt und hätte er etwa bei Mulka nur Beihilfe zu einer Tat angenommen, dann hätte er das Urteil aufheben müssen, denn das Landgericht hatte ja wegen Beihilfe zu vier Taten verurteilt. Und es gab eine Reihe anderer Entscheidungen, auch solche dieses 2. Senats, die deutlich machen, dass diese Entscheidung von 1969 den Tatbegriff nicht als Präzedenz in Stein gemeißelt hatte, sondern dass es durchaus Raum für eine differenzierende Betrachtung gab, wie sie dann letztlich auch zur Grundlage der Anklage in diesem Strafverfahren wurde.

Die dritte Phase ist die Zeit nach jener Revisionsentscheidung des 2. Senats zum großen Frankfurter Auschwitzurteil (das ich im Folgenden der Einfachheit halber mit „das Auschwitzurteil“ bezeichne). Die Anklage in diesem Verfahren betraf ja mit der Auswahl der 22 Angeklagten nur einen Ausschnitt aus den fortdauernden Ermittlungen, aus dem weit mehr Verdächtige umfassenden Ermittlungskomplex der Frankfurter Staatsanwaltschaft zu Auschwitz. Für den Umgang mit diesen Verfahrenskomplexen hatten das Auschwitzurteil und seine Bestätigung durch den BGH aber Weichen gestellt: Man musste nun den Nachweis führen können, dass ein Verdächtiger unmittelbar an einer räumlich und zeitlich ganz eng gefassten Tötungshandlung mitgewirkt hatte. Es ist zu vermuten – denn mehr ist darüber bislang nicht bekannt -, dass die Ermittlungen gegen eine ganze Anzahl von SS-Angehörigen gar nicht erst aufgenommen oder jedenfalls eingestellt wurden, weil ein derartiger Tatnachweis nicht zu führen war.

Aber es gab auch solche Verfahrenskomplexe, bei denen selbst nach den Maßstäben des Auschwitzurteils der Nachweis einer Tatbeteiligung vorlag. Eines war das Verfahren gegen die Angehörigen der sog. Fahrbereitschaft (das nicht zum Bestandteil der Akten in diesem Verfahren gehört, Staatsanwaltschaft bei dem LG Frankfurt, 4 Js 1031/61 sowie 4 Js 798, 64).

Die Beschuldigten hatten bei ihren Vernehmungen geschildert, dass sie vielfach mit den Lkw der Fahrbereitschaft die nicht mehr gehfähigen Menschen von der Rampe zu den Gaskammern gefahren hatten. Damit war auch nach den Maßstäben des Auschwitzurteils ein ausreichender Nachweis einer konkreten Tatbeteiligung gegeben. Aber auch hier wirken die Maßstäbe, die das Auschwitzurteil gesetzt hatte, fort – nur in anderer Form. Die Staatsanwaltschaft hat in diesem Verfahren beantragt, das Verfahren wegen geringer Schuld einzustellen. Ich zitiere aus der Begründung: „Die Mitglieder der Fahrbereitschaft erscheinen bei der Gesamtbeurteilung dessen, was im Konzentrationslager Auschwitz geschehen ist, als kleine ‚Handlanger’. (…) Ihr Tatbeitrag war ein weitaus geringerer, als der eines selektierenden SS-Offiziers oder eines SS-Angehörigen, der in den Vorgang unmittelbar eingeschaltet war.“ Die Staatsanwaltschaft nimmt dann die Strafen in den Blick, die das Frankfurter Landgericht im Auschwitzurteil verhängt hatte. „Gegen den SS-Arzt Dr. Frank, der auf der Rampe in Auschwitz-Birkenau über Leben und Tod der Ankommenden entschied, wurde – rechtskräftig – wegen der Auswahl von mindestens 1000 Personen für den Gastod auf eine Einzelstrafe von 5 Jahren Zuchthaus und gegen das ehemalige Mitglied der politischen Abteilung, Dylewski, wegen seiner unmittelbaren Teilnahme an diesen Selektionen auf eine Strafe von 3 Jahren 6 Monaten Zuchthaus erkannt.“ Diese Strafen waren in der Tat unvertretbar niedrig. Sie wurden möglich als Folge einer Rechtsprechung, die Hitler, Himmler und andere zu den Haupt-Tätern erklärte, aber alle anderen, selbst wenn sie die Mordhandlungen eigenhändig ausführten, sich aber – wie es hieß – den verbrecherischen Willen Hitlers nicht zu eigen gemacht hatten, in aller Regel nur als Gehilfen sah. So wurde selbst der Adjutant Mulka zum Gehilfen, so wurde selbst der Arzt, der bei der Selektion die Entscheidung über Leben und Tod traf, nur zum Gehilfen. Der Leiter der Frankfurter Staatsanwaltschaft bei dem Landgericht, Dr. Rahn, zieht am 30. August 1970 mit dem Antrag an das Landgericht, das Verfahren einzustellen, die Konsequenz: „Die Schuld- und Strafaussprüche gegen diesen Personenkreis haben Maßstäbe gesetzt. Die Schuld der Mitglieder der Fahrbereitschaft darf an diesen Schuldsprüchen gemessen werden. Dabei erscheint ihre Schuld gering.“

Erst Jahre später, 1977, wird das Verfahren gegen 62 Angehörige der sog. Gefangeneneigentumsverwaltung aufgenommen, darunter auch gegen Oskar Gröning, der dann am 5. Januar 1978 in Nienburg an der Weser als Beschuldigter vernommen wird. Dieses Verfahren endet – wir haben das hier in der Hauptverhandlung schon erörtert – 1985 mit einer Einstellung durch den Oberstaatsanwalt Klein, und zwar begründungslos: „Die Einstellungsgründe sollen wegen Geschäftsandrangs später ausführlich formuliert werden.“ Dazu ist es dann nie gekommen.

Man kann daher nur spekulieren, was wohl die Gründe für diese Einstellung gewesen sein könnten. Auch geringe Schuld wie bei der Fahrbereitschaft ? War der Angeklagte auch nur ein „Handlanger“? Immerhin war er ja ab Anfang 1944 als SS-Unterscharführer ein Unteroffizier. Und einer der Beschuldigten war Theodor Krätzer, Obersturmführer, Leiter der sog. Gefangeneneigentumsverwaltung, – auch er nur ein „Handlanger“ ?

Jener Oberstaatsanwalt Klein hatte zuvor, im April 1982, in einem anderen Teilkomplex der von der Frankfurter Staatsanwaltschaft zu Auschwitz geführten Verfahren einen anderen Weg gefunden, das Verfahren einzustellen. In diesem Verfahren gegen einen Ludwig Armbrüster u.a. (also nicht der Michael Armbrüuster aus dem GEV-Verfahren; die    Verfahrensakten zu diesem Verfahren befinden sich ebenfalls nicht bei den Akten im Verfahren gegen Oskar Gröning)

wurde gegen Angehörige verschiedener Kompanien des Wachsturmbanns ermittelt. Deren Aufgabe war es, um die Rampe herum einen dichten geschlossenen Ring bewaffneter Wachposten zu bilden, um – so Zitat aus der Entscheidung des Staatsanwalt Klein – „Fluchtversuche der angekommenen Menschen nach dem Aussteigen zu verhindern und Unbefugten den Zutritt zu der Rampe zu verwehren.“ Staatsanwalt Klein sieht in diesem Rampendienst kein strafrechtlich vorwerfbares Verhalten und stellt das Verfahren ein, mit folgender Begründung: „Schon die Kausalität ihrer (der Beschuldigten) Tätigkeit für den Erfolg der Vernichtungsaktion ist zweifelhaft. Zwar sollte die Postenkette um die Rampe (…) auch Häftlingsfluchten verhindern. Es ist (aber, CN) nicht bekannt, dass es je zu versuchten Häftlingsfluchten von der Rampe gekommen wäre“. Im übrigen sei die ganze Planung und Durchführung der Vernichtung nicht auf Gewalt angelegt gewesen, sondern auf die Täuschung der Juden. Es könne daher nicht angenommen werden, „dass die angekommenen deportierten Juden oder einige davon nach dem Aussteigen in der fremden Umgebung ins freie Feld gerannt wären, wenn die Postenkette nicht gestanden hätte“. Nun – ich werde später noch darauf zurückkommen, ob hier die Funktion der SS-Wachposten zutreffend beschrieben wird. Aber Staatsanwalt Klein hat noch ein zusätzliches Argument: „Abgesehen davon war(en) ja auch auf der Rampe unmittelbar schon eine größere Anzahl bewaffneter SS-Blockführer, die Funktionäre der politischen Abteilung und andere SS-Angehörige im Dienst, die eine solche Flucht schon hätten unwahrscheinlich erscheinen lassen.“ Diese anderen SS-Angehörigen – das waren ja unter anderem auch die Angehörigen der sog. GEV, also auch der damals Beschuldigte Gröning. Wenn nicht der Wachsturmbann für die Vernichtung erforderlich war, dann doch die SS-Männer auf der Rampe ? Nein, doch nicht, und jetzt kommt Staatsanwaltschaft Klein mit seinem zentralen Argument, und man versteht, warum drei Jahre später auch das Verfahren gegen die Beschuldigten aus dem GEV-Komplex eingestellt wurde. Staatsanwalt Klein teilt die deportierten Juden in zwei Gruppen auf. Einerseits die fluchtunfähigen Menschen, die Alten und Kranken und die Kinder mit ihren Müttern, und die anderen, die Fluchtfähigen. Aber diese wollten ja, so der erste Schritt der Überlegung, „bei ihren Familien bleiben“, so dass auch die Fluchtfähigen „nicht von vornherein zur Flucht bereit waren“. Und – Zitat – „hinzutreten muss jedoch auch folgende Überlegung. Es ist davon auszugehen, dass diejenigen, die zur Flucht fähig und bereit gewesen wären, zunächst als arbeitstauglich ins Lager eingewiesen wurden.“

Also – die Logik dieser Ausführungen auf den Punkt gebracht: Die Menschen, die ermordet wurden, konnten und wollten gar nicht fliehen. Und die anderen, die Fluchtfähigen, sind ja gar nicht unter Mithilfe des Rampendienstes ermordet, sondern als arbeitstauglich ins Lager eingewiesen worden.

Staatsanwalt Klein scheint zu erahnen, dass im Hinblick auf die Fluchtfähigen bei dieser Begründung doch noch ein Problem bestehen könnte. Denn viele von diesen sind ja, – Zitat – „dann im Lager an Entkräftung, Seuchen oder durch Selektionen ums Leben (gekommen)“. Aber dieser Ansatz wird von vorneherein zurückgewiesen – „Welche und wie viele dieser Personen, die an den Tagen angekommen waren, an denen die Beschuldigten Dienst taten, dann (später im Lager ums Leben kamen), kann nicht mehr festgestellt werden.“

Nimmt man den Staatsanwalt Klein beim Wort dieser Einstellungsbegründung aus dem Jahr 1982, dann ahnt man schon, welche Begründung er 1985 „wegen Geschäftsandrangs“ aufgeschoben und dann nie mehr aufs Papier gebracht hat.

Für die Staatsanwaltschaft Frankfurt war damit im Jahr 1985 der Fall der Angehörigen der sog Gefangeneneigentumsverwaltung und damit auch der Fall Gröning eigentlich erledigt. Wenn dann nicht Staatsanwalt Günther Feld, nun in unserem Verfahren als Nebenklägervertreter tätig, im September 1990 jenen Herrn Kühnemann angeklagt hätte, mit dem der Angeklagte Gröning längere Zeit in Auschwitz die Unterkunft geteilt hatte. Der 5. Anklagepunkt jener Anklage der Staatsanwaltschaft Köln lautete: „Die Aufgabe des Angeschuldigten als Aufseher des „Räumkommandos bestand darin, bei der alten und später der neuen „Rampe“ (Birkenau) die Häftlinge zu beaufsichtigen, die das Gepäck der Judentransporte aus den Bahnwaggons zu laden und sodann in die Effektenlager zu verbringen hatten. Hierdurch half er (…) mit, den reibungslosen Ablauf der industriell organisierten Massentötung jüdischer Menschen zu gewährleisten; und zwar insbesondere im Hinblick auf das Eintreffen der jeweils nächsten Transporte, deren Züge teilweise bereits im Bereich des Lagers Auschwitz warteten“. Dieser Anklagepunkt, der, vom Landgericht Duisburg zugelassen, wohl auch zur Verurteilung des Kühnemann geführt hätte, wäre dieser nicht verhandlungsunfähig geworden, ist in mehrfacher Hinsicht interessant:

Selbstverständlich war dem Staatsanwalt Feld wie auch den Richtern am Landgericht Duisburg das Urteil des 2. Senats von 1969 zum Auschwitzurteil bekannt. Aber sie sehen sich ersichtlich nicht im Mindesten daran gehindert, Anklage zu erheben und zuzulassen – warum auch nicht: Mit der Beaufsichtigung des Räumkommandos auf der Rampe liegt ja ein – wenn man diesen Begriff überhaupt benutzen will – konkreter Tatbeitrag vor. Diesen muss man nur zutreffend im Kontext des „reibungslosen Ablaufs der industriell organisierten Massentötung“ werten. Es geht also doch, trotz der Entscheidung des 2. Senats von 1969.

Und nun muss sich die Staatanwaltschaft Frankfurt im November 1990 wegen der anderen Rechtsauffassung der Staatsanwaltschaft Köln – Frankfurt hatte ja 1985 begründungslos eingestellt – wiederum mit dem Verfahren gegen die Angehörigen der sog. Gefangeneneigentumsverwaltung befassen. Aber nur so lange, wie es bedarf, um einen Vermerk zu schreiben und eine Akte zu versenden: Die Staatsanwaltschaft „entdeckt“ nun, dass jener Beschuldigte, dessen Wohnsitz die örtliche Zuständigkeit der Staatsanwaltschaft Frankfurt in diesem Komplex begründen konnte, im Jahr 1979 verstorben war. Also hatte man 6 Jahre lang bis zur Einstellung 1985 gar keine Zuständigkeit mehr ? Wie dem auch sei – das Verfahren gegen Theodor Krätzer wird nun wieder aufgenommen, um es uno actu sogleich an die für den Wohnsitz dieses Beschuldigten zuständige Staatsanwaltschaft in Kempten im Allgäu abzugeben, die es dann wiederum wegen Sonderzuständigkeit für NS-Verbrechen an die Staatsanwaltschaft beim Landgericht München I abgibt. Was dort dann entschieden wurde, wissen wir nicht – offensichtlich wurde Theodor Krätzer jedenfalls nicht angeklagt. Als der Kollege Walther im Rahmen dieses Verfahrens 2014 herausfinden wollte, was aus dem Verfahren gegen Krätzer in München geworden war, wurde ihm von der dortigen Staatsanwaltschaft im Hinblick auf die „postmortalen Persönlichkeitsrechte“ des Krätzer die Akteneinsicht verwehrt.

Und man wüsste natürlich auch gerne, was aus den Verfahren gegen die anderen 61 Beschuldigten der Angehörigen der GEV geworden ist – sind die auch alle an die örtlich zuständigen Staatsanwaltschaften abgegeben worden oder hat die StA Frankfurt alle anderen Beschuldigten einfach unter den Tisch fallen lassen ?

Bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt wird man nach der Abgabe des Verfahrens gegen Krätzer an die Staatsanwaltschaft Kempten im Winter 1990 davon ausgegangen sein, dass man den GEV-Komplex nun endgültig vom Tisch hatte. Aber 15 Jahre später gibt Herr Gröning das Spiegelinterview von 2005. Offensichtlich sieht er keinerlei strafrechtliches Risiko darin, auch von seiner Tätigkeit auf der Rampe zu berichten. Warum auch ? Geht man die Zeugen – und Beschuldigtenvernehmungen aus den 70ger und 80ger Jahren durch, dann zeigt sich, dass den früheren Angehörigen der GEV bewusst war, dass Beteiligung an der Selektion auf der Rampe als Beteiligung am Mord gewertet wurde. Also – so übereinstimmend damals ihre Aussagen – haben sie mit der Selektion nichts zu tun gehabt, wissen allenfalls, dass es so etwas gab. Im Kühnemann-Verfahren ging es dann um die Beaufsichtigung des Räumkommandos auf der Rampe. Also – das hat uns der Zeuge Struss, der ehemalige Richter vom LG Duisburg im Kühnemann-Verfahren anschaulich geschildert – ging es Beschuldigten wie Zeugen nunmehr darum, möglichst nichts mit der Beaufsichtigung des Räumkommandos zu tun zu haben. „Nur“ Bewachung des Gepäcks, wie es Gröning es 2005 dem SPIEGEL berichtet, schien also rechtlich unproblematisch zu sein.

In Ludwigsburg sieht man das nicht so differenziert und sendet den SPIEGELartikel an die Staatsanwaltschaft Frankfurt mit der Anfrage, ob die Aussage des Gröning den Verdacht der Beihilfe zum Mord begründen könne. Der nunmehr zuständige Staatsanwalt Galm, langjähriger Mitarbeiter des Oberstaatsanwalts Klein, schaut in die Akten und stellt fest, dass Herr Gröning dem SPIEGEL nichts anderes mitgeteilt hat als das, was der Staatsanwaltschaft schon aus seiner Beschuldigtenvernehmung von 1978 bekannt ist, und dieses Verfahren hatte die Staatsanwaltschaft ja schon 1985, wenn auch ohne Begründung, eingestellt. Auf die Idee, sich nun doch noch mit der Anklage der Staatsanwaltschaft Köln gegen Kühnemann von 1990 auseinanderzusetzen, kommt Herr Galm nicht – und vermutlich hat er diese Anklageschrift auch gar nicht vor Augen, denn die Akten sind ja alle 1990 nach Kempten verschickt worden. Aber Staatsanwalt Galm erinnert sich ersichtlich an die Einstellungsverfügung des Staatsanwalts Klein aus dem Jahr 1982, – das ist jene im Verfahren gegen die Angehörigen des Wachsturmbanns – und übernimmt aus ihr die wesentlichen Textbausteine für seine Entscheidung. Dabei gibt es aber ein kleines Problem: Der Sachverhalt Gröning ist nicht nur anders als der Sachverhalt Wachsturmbann von 1982, sondern bei der weiter von der Rampe entfernten Postenkette des Wachsturmbanns hatte Staatsanwaltschaft Klein – Sie erinnern sich – ja gerade damit argumentiert, dass schon die Präsenz der SS-Angehörigen auf der Rampe, also solcher Männer wir Gröning, aus der Perspektive der ankommenden Menschen wegen der Drohkulisse keinen Fluchtgedanken aufkommen ließ. Galm dreht die Argumentation nun einfach um: „sein (Oskar Grönings) Einsatz diente nicht dazu Häftlingsfluchten zu verhindern (…). Das war die Aufgabe der vom Wachsturmbann gestellten Postenkette.“ Das ist geschickt: Die einen, Wachsturmbann, hatten die Aufgabe, Fluchten zu verhindern, aber – so damals Klein – waren eigentlich überflüssig. Die anderen, solche wie Gröning, die auf der Rampe waren, konnten zwar Fluchten verhindern, aber – so nun Galm – das war ja gar nicht ihre Aufgabe. Aber letztlich ist es dann auch für den Staatsanwalt Galm im Jahr 2005 nicht so wichtig, was nun Aufgabe der Männer auf der Rampe war und was nicht. Denn „im Übrigen“ – so wird der folgende Teil der Begründung eingeleitet – gibt es ja ohnehin keine Kausalität. Und nun übernimmt Staatsanwalt Galm wortgleich die Textbausteine aus der Einstellung des Staatsanwalts Klein von 1982 und wiederholt damit jene Betrachtung, wonach die Menschen, die zur Arbeit ins Lager selektierten wurden, ja nicht unmittelbar ermordet wurden, während die anderen zwar gleich ermordet wurden, aber nicht fliehen konnten und wollten.

Diese Begründung ist wirklich bemerkenswert. Erstens ist sie ganz offensichtlich falsch: Ohne die Drohkulisse, die arbeitsteilig von den SS-Männern auf der Rampe ausging, wie gerade auch von den Zeugen in dieser Hauptverhandlung wiederholt geschildert wurde, wäre der konkrete Ablauf der Vernichtung nicht möglich gewesen. Das fängt allein schon an bei der erzwungenen Mitwirkung der Kapos, die für den Ablauf zwingend notwendig war – die Tätigkeit der Kapos auf der Rampe ist aber unvorstellbar ohne die im Hintergrund stehenden bewaffneten SS-Angehörigen.

Zweitens stützt Staatsanwalt Galm dann seine rechtliche Begründung auf die unter Juristen geläufige sine-qua-non-Formel zur Kausalität. Ich nehme diese kurz beim Wort und denke mir mal die SS in Auschwitz weg und frage mich – was wäre dann gewesen ? Ich erspare uns die Antwort.

Denn geradezu phantastisch ist es, dass ein Staatsanwalt im Jahr 2005 die Kausalität der Beihilfe mit der conditio-sine-qua-non-Formel ablehnt. Jeder Zweitsemester an einer juristischen Fakultät lernt den Satz, mit dem der Standardkommentar zum StGB von Fischer den Abschnitt „Kausalität der Beihilfe“ einleitet: „Die Hilfeleistung muss nach ständiger Rechtsprechung des BGH für den Taterfolg nicht ursächlich im Sinne einer condition sine qua non sein“ – ein Fördern reicht. Eine Staatsanwaltschaft, die sich gegen die ständige Rechtsprechung des BGH auf eine akademische Lehrmeinung beruft, um die Beihilfe zum Mord auf der Rampe in Auschwitz abzulehnen – das ist schon ein einzigartiger Vorgang. Nur zur Illustration, wie die Maßstäbe bei der Beihilfe im Übrigen sind, ein kurzer Blick auf ein etwa zeitgleich vor dem OLG Hamburg stattfindendes Verfahren. Hierzu stellt der Bundesgerichtshof im November 2006 fest, dass der Angeklagte Motassadeq Beihilfe zum Mord an den Anschlägen des 11. September 2001 u.a. deswegen geleistet hatte, weil er mit Überweisungen auf das Vermieterkonto von Mohammed Atta dessen Aufenthalt in den USA im Vorfeld der Anschläge verschleiern wollte.

Mietüberweisungen – das ist also Beihilfe zu den Anschlägen des 11. September. Der Rampendienst der SS in Auschwitz-Birkenau hingegen ist keine Beihilfe ? Was war denn dann die Funktion der SS-Männer auf der Rampe ? Vielleicht eine Art Ehrenspalier für die Menschen auf dem Weg in den grausamen Tod der Gaskammern ? Diese ungeheuerliche Begründung des Staatsanwalts Galm hätte nie den Weg in die Öffentlichkeit gefunden und die Hauptverhandlung hier in der Ritterakademie in Lüneburg hätte nie stattgefunden, wenn die Geschichte der Verfolgung von NS-Verbrechen nicht in einem ganz anderen Kontext eine vollkommen überraschende Wendung genommen hätte.

Im September 2006 lässt sich der bayrische Amtsrichter Thomas Walther nach Ludwigsburg versetzen. In der dort üblichen rein informellen Vermittlung des institutionellen Wissens durch Kollegen und Vorgesetzte lernt er, dass die Einleitung eines Verfahrens wegen NS-Verbrechen voraussetzt, dass es Beweise für die unmittelbare Beteiligung an einer konkreten Tötungshandlung gibt, eine konkrete Einzeltat. Das ist nicht nur frustrierend, weil es zwar immer noch Verdächtige unter SS-Angehörigen aus Vernichtungslagern gibt, aber praktisch nie jene „konkrete Einzeltat.“ Sondern er kann der Kritik von Eli Rosenbaum, dem Leiter des Office of Special Investigations in Washington, einer Behörde, die systematisch und erfolgreich die an NS-Verbrechen beteiligten Männer und Frauen in den USA verfolgt, nur hilflos begegnen mit einem: „Das ist hier in Deutschland aber so.“ Walther gibt sich aber nicht zufrieden, googelt und findet somit eher zufällig das lange Matia-Urteil des Northern District Court in Ohio, das im Jahr 2002 die Ausbürgerung von John Demjanjuk für rechtmäßig erklärt hatte. Die Beweislage ist danach eindeutig, Demjanjuk war Wachmann in Sobibor. Aber mehr weiß man nicht, insbes. gibt es keinerlei Nachweis einer sog. konkreten Einzeltat. Walther entwickelt nun eine, wie er findet, neue und innovative Theorie: Das Vernichtungslager als Fabrik, in der jeder Mitarbeiter für den Massenmord mitverantwortlich ist.

Diese Initiative von Walther und die unermüdliche gemeinsame Arbeit mit seiner Kollegin Kirsten Goetze führen letztlich nicht nur zur Verurteilung von Demjanjuk durch das LG München II, sondern das Verfahren gegen Demjanjuk ist die Initialzündung für die Aufnahme neuer Ermittlungen gegen eine Vielzahl von SS-Angehörigen. Rückblickend ist der Vorgang geradezu absurd: Da stößt Walther beim Googeln im Internet auf ein Urteil, das der Leiter seiner Behörde wenige Jahre zuvor (2003) bei seinem Besuch in Washington in einer Akte vorgelegt bekam und für irrelevant befand – Stichwort: Keine „konkrete Tat.“ Und um eine Änderung der Praxis der Behörde und nachfolgend dann auch der Justiz zu erreichen, muss Walther sich erst mal eine – aus seiner Sicht – total neue Theorie ausdenken, die – wie er drei Jahre später, während der Hauptverhandlung gegen Demjanjuk, vollkommen erstaunt zur Kenntnis nimmt – schon ständige Rechtsprechung der Gerichte in den 60ger Jahren zu den Vernichtungslagern der SS war. So spricht etwa das Landgericht Hagen in seiner Entscheidung von 1966 von einer „funktionellen Mitwirkung“ ALLER Angehörigen der Lagermannschaft der SS am Massenmord in Sobibor, und der Bundesgerichtshof bestätigt nicht nur diese Entscheidung, sondern stellt 1964 in einer Entscheidung zur Mitwirkung im Sonderkommando des Vernichtungslagers Chelmno fest: Die Angeklagten haben „allein durch ihre Zugehörigkeit zu dem Sonderkommando (…) bei der Tötung der Opfer Hilfe geleistet. Die Art der Aufgaben, die ihnen (…) oblagen, ist daher (…) ohne Bedeutung.“

Am Anfang des Verfahrens, in dessen Hauptverhandlung wir hier heute sitzen, steht ein Schreiben des Leiters der Zentralstelle in Ludwigsburg, des Oberstaatsanwalts Schrimm. Dort heißt es: „Vor dem Hintergrund der Entscheidung des Landgerichts München II vom 12 Mai 2011 i.S. Demjanuk erscheint es aus hiesiger Sicht geboten zu prüfen, inwieweit GRÖNING Teil der Vernichtungsmaschinerie geworden war, auch ohne dass diesem eine konkrete Tat individuell nachgewiesen werden kann.“

So war das also, deswegen gab es Jahrzehnte lang keine Ermittlungen gegen SS-Angehörige in Auschwitz und an anderen Orten der Vernichtung – weil das LG München II im Jahr 2011 eine neue Rechtslage hergestellt hat. Herr Schrimm behauptet das seit dem Demjanjuk-Verfahren bei jeder sich bietenden Gelegenheit und die Medien folgen ihm seitdem in ihrer Unkenntnis von den wahren Hintergründen. Diese Darstellung ist aber schlicht falsch ! Das Verfahren gegen Demjanjuk hat allein eine Änderung in der Praxis von Ludwigsburg wie auch der Justiz eingeleitet. Das Recht war immer das Gleiche. Das ist der Mordparagraph 211 StGB, in der 1941 von den Nationalsozialsten geschaffenen Fassung, und das sind die Regeln zur Beihilfe. Und die konkreten Taten des Herrn Gröning standen spätestens seit seiner Beschuldigtenvernehmung von 1978 fest: Geld verwalten und Rampendienst. Die Wiederaufnahme des Verfahrens hatte Staatsanwalt Galm 2005 ja nicht deswegen abgelehnt, weil Gröning keine konkrete Tat nachweisbar war, sondern weil er die Kausalität dieser konkreten Handlungen für den Mord der Juden verneint hatte.

Rechtlich problematisch war nach der BGH-Entscheidung zum Auschwitzurteil von 1969 allenfalls die Frage, ob man die Ermordung der Juden aus den RSHA – Transporten zu einer Haupttat zusammenfassen kann oder nicht. Und zu dieser Frage geht das LG München II im Demjanjuk-Urteil gerade keine neuen Wege, sondern folgt ganz der Linie dieser BGH-Entscheidung von 1969 und geht nicht von einer Tat, sondern von 16 Haupttaten bei 16 Transporten aus.

Aber das Verfahren gegen Demjanjuk leitet die vierte, die letzte Phase der Strafverfolgung von NS-Verbrechen ein.

Denn schon während das Verfahren gegen Demjanjuk noch läuft, wird Ludwigsburg aktiv. In einer ersten Runde mit Kunz, Wachmann in Belzec, und den Verdächtigen, zu denen das Office of Special Investigations die langjährig von Ludwigsburg ignorierten Ermittlungsergebnisse in fertigen Päckchen liefert – das sind die Verfahren gegen Kalymon, Breyer und Lipschis. Dann die sog. 50ger Liste der noch lebenden SS-Angehörigen von Auschwitz, darunter der Angeklagte. Was Thomas Walther und ich seit Jahren beobachten, ist ein Trauerspiel. Solche Verfahren kommen nur noch zustande, wenn ein williger, engagierter und schnell arbeitender Staatsanwalt auf ein williges Gericht trifft und der Beschuldigte noch verhandlungsfähig ist. Exemplarisch: Bei Lipschis gab es den engagierten Staatsanwalt, aber das Gericht wollte nicht und hat all die alten Argumente, insbes. das von den schwer beweisbaren Haupttaten, mobilisiert. Die zunächst für Gröning zuständige Frankfurter Staatsanwaltschaft schreibt einen langen, in unseren Akten befindlichen Vermerk, der zunächst die schwierigen Rechtsprobleme (wiederum 2. Senat 1969 zum Auschwitzurteil und der Tatbegriff) auflistet; und dann gäbe es ja auch noch die großen tatsächlichen Schwierigkeiten, die umfangreiche Ermittlungen erforderten. Man kann letztlich nur froh sein, dass das Verfahren dann bei Staatsanwalt Dr. Lehmann in Hannover und bei der Schwurgerichtskammer in Lüneburg landet. Denn die Sache mit dem Tatbegriff ist letztlich einfach, man muss dazu nur die Anklage lesen. Und die tatsächlichen Fragen haben in dieser Hauptverhandlung – wenn man die wichtigen Aussagen der Nebenkläger rausrechnet – nur wenige Tage in Anspruch genommen. Ein engagierter Staatsanwalt ist hier auf ein Gericht getroffen, das sich dem Recht verpflichtet fühlt und sich nicht von der Frage leiten lässt, wie man die Durchführung einer komplizierten Hauptverhandlung vermeiden könnte.

Man ist versucht, Staatsanwaltschaft und Gericht in diesem Verfahren großen Dank auszusprechen. Aber das wäre grundfalsch – es ist geradezu verboten, einer Staatsanwaltschaft und einem Gericht Dank dafür auszusprechen, dass sie das getan haben, was ihre Pflicht ist: Zu ermitteln, und wenn sich ein hinreichender Tatverdacht ergibt, anzuklagen und zu eröffnen. Dafür darf es keinen Dank geben, auch wenn mit Blick auf das jahrzehntelange Versagen der Justiz und auch die Entwicklungen der letzten Jahre solche Gefühle aufkommen. Dank gebührt aber Ihnen, Herr Dr. Lehmann, und dem Gericht und hier insbes. seinem Vorsitzenden, Herrn Kompisch, für den Umgang mit den Nebenklägern und ihren Anwälten. Denn den Antrag auf Zulassung der Nebenklage kann man nur stellen, wenn man weiß, was eigentlich die Tat ist, die dem Beschuldigten vorgeworfen wird: Man braucht dafür die Kenntnis von Ort, Zeit und Handlung. Staatsanwälte, die diese Information bis nach Anklageerhebung nicht zur Verfügung stellen, können jeden potentiellen Nebenkläger ausbremsen. Anders Herr Dr. Lehmann – ohne dessen Offenheit im Umgang mit uns Nebenklägervertretern wäre es nahezu unmöglich gewesen, unsere Nebenkläger rechtzeitig auf dieses Verfahren vorzubereiten. Dafür gebührt Ihnen ausdrücklicher Dank. Und dem Gericht und seinem Vorsitzenden gebührt großer Dank dafür, wie Sie mit unseren Mandanten umgegangen sind – verständig, freundlich, fürsorglich. Sie haben unseren Mandanten nicht nur große Ängste genommen, sondern Sie haben sich deren größte Hochachtung verdient.

Ich komme zum Schluss: Auf der ersten Seite des konkreten Anklagesatzes, hier zu Beginn der Hauptverhandlung verlesen, fasst Staatsanwalt Dr. Lehmann – mit sehr zurückhaltenden Formulierungen – zusammen, was Auschwitz war: Vernichtungslager nicht nur für die, die unmittelbar nach ihrer Ankunft getötet wurde, sondern auch für die anderen Häftlinge: Sie alle waren – stichwortartig- der „Vernichtung durch Arbeit“ und unmenschlichen Lebensbedingungen geweiht. Wer nicht in ein anderes Lager überstellt wurde, überlebte „das Lager Auschwitz nur aufgrund (seiner) Befreiung oder Flucht.“ Hier wird es auf den Punkt gebracht: Das Lager Auschwitz war – spätestens ab 1942 – Massenvernichtungslager für ALLE Juden. Dr. Lehmann war es bewusst, dass man den Angeklagten daher konsequenterweise für Beihilfe an allen Morden in Auschwitz nach seiner Ankunft im September 1942 hätte anklagen müssen. Die praktischen Probleme, die bei einer solchen Anklage gerade auch im Hinblick auf das hohe Alter des Angeklagten und seine Verhandlungsfähigkeit hätten entstehen können, waren aber groß. Dr. Lehmann hat daher – Zitat aus der Anklageschrift – „im Hinblick auf alle außerhalb der eigentlichen „Ungarn-Aktion“ erfolgten Tötungshandlungen gem. § 154 Abs. 1 Nr. 1 StPO vorläufig von einer Strafverfolgung abgesehen“. Das war eine prozessual vernünftige Entscheidung, und zwar obwohl damit eine größere Zahl von Transporten aus anderen Orten, u.a. Griechenland, den Niederlanden, Frankreich und Gettos aus dem Osten Europas ausgeklammert wurde, deren weit über 10.000 Menschen während der Ungarn-Aktion und nach exakt dem gleichen Muster ermordet wurden. Aber wichtig ist der Ausgangspunkt der Anklage – die Beihilfe zu ALLEN Morden in Auschwitz in der Zeit, in der der Angeklagte als SS-Mann in Auschwitz im Einsatz war und damit den systematischen Massenmord mit ermöglicht hat, der nicht nur in den Gaskammern stattfand, sondern in ganz Auschwitz Programm war. Zwischen der Anklage von Fritz Bauer und der Anklage von Dr. Lehmann sind ein halbes Jahrhundert ins Land gegangen. So lange hat es gedauert, bis der Ansatz von Fritz Bauer wieder zum Ausgangspunkt eines Strafverfahrens geworden ist. Bauer schrieb: „Die Tätigkeit eines jeden Mitglieds eines Vernichtungslagers stellt vom Eintritt in das Lager (…)bis zu seinem Ausscheiden“ eine Tat dar, „was auch immer er physisch zur Verwaltung des Lagers und damit zu Endlösung beigetragen hat.“

Die Konsequenz dieser Feststellung ist einfach: Auschwitz war ein Ort, an dem man nicht mitmachen durfte. Ob der Angeklagte Gröning das damals schon so gesehen hat, wissen wir nicht. Und ob er nun Versetzungsgesuche gestellt hat, wie er behauptet, oder nicht, ist letztlich unwichtig: Wer Versetzungsgesuche stellt, sich dann aber sogar freiwillig für die Kameraden zum Rampendienst meldet, hat offenkundig nicht im – auch nicht einmal im eingebildeten – entschuldigenden Notstand gehandelt. Aber die Geschichte von den Versetzungsgesuchen zeigt, dass auch der Angeklagte Gröning heute der Auffassung ist, die er in seiner letzten Einlassung ausdrücklich genannt hat: Auschwitz war ein Ort, an dem man nicht mitmachen durfte. Herr Gröning hat mitgemacht, und deswegen wird er wegen Beihilfe zum Massenmord verurteilt werden.

Viel zu spät, aber nicht zu spät.

Presseerklärung der Nebenklägervertreter Thomas Walther, Cornelius Nestler vom 27.4.2015

Presseerklärung im Namen von 49 Nebenklägern im Strafverfahren vor dem Landgericht Lüneburg gegen den ehemaligen SS-Unterscharführer Oskar Gröning, dem Beihilfe zur Ermordung von 300.000 Menschen im Sommer 1944 in Auschwitz vorgeworfen wird.

Frau Eva Kor, Auschwitzüberlebende und Nebenklägerin im Strafverfahren gegen Gröning, hat dem Angeklagten verziehen. Unsere Mandanten hätten hier nichts zu kommentieren – wer besser als die Überlebenden von Auschwitz weiß, dass jeder einen eigenen Weg finden muss, mit dem Erlittenen umzugehen – , wenn Frau Kor ihr „Verzeihen und Vergeben“ mit dem Angeklagten nicht immer wieder öffentlich inszenieren würde.

Das gibt Anlass zu erinnern: Unsere 49 Mandanten, alle ebenfalls Überlebende von Auschwitz, sind Nebenkläger geworden, weil sie für ihre ermordeten Eltern und Geschwister KLAGE führen wollen. Nimmt man allein nur die in Auschwitz ermordeten Familienangehörigen unserer Mandanten, handelt es sich um nahezu 1.000 Menschen. Der Angeklagte hat daran mitgewirkt, nicht nur diese Angehörigen, sondern insgesamt 300.000 Menschen zu ermorden. Gegenstand des Strafverfahrens ist NICHT, dass Herr Gröning der Frau Kor oder anderen Nebenklägern persönlich etwas angetan hat. Ob es Frau Kor zusteht, Herrn Gröning die Mitwirkung an der Ermordung ihrer Angehörigen zu verzeihen, mag jeder selbst beantworten. Aber Frau Kor sagt: „Diese Anklagen müssen aufhören.“ Dann hätte sie nicht Nebenklägerin werden sollen.

In diesem Strafverfahren geht es vor allem auch um die Dokumentation des jahrzehntelangen Versagens der Justiz. Als Nebenklägerin im Namen der Ermordeten aufzutreten, öffentlich das Strafverfahren abzulehnen und die Rolle der Nebenklägerin zur medial inszenierten persönlichen Verzeihung nutzen – das passt nicht zusammen und veranlasst unsere Mandanten zu der Mitteilung:

Wir können Herrn Gröning nicht die Mitwirkung am Mord unserer Angehörigen und weiterer 299.000 Menschen verzeihen – zumal er sich bisher frei von jeglicher strafrechtlicher Schuld fühlt. Wir wollen Gerechtigkeit und wir begrüßen die Aufklärung, die dieses Strafverfahren leistet.

Eva Pusztai, Ungarn; Ilona Kalman, Kanada; Magda Hilf, Kanada; Irene Weiss, USA; Ernest Singer, Kanada; Alexander Singer, Kanada; Serena Neumann, USA; Batia Hefetz, Israel; Armin Chaim Kornfeld, Kanada; Ruth Cohen, USA; Benjamin Lesser, USA; Bella Simon Pasternak, USA; Bernhard Pasternak, USA; Györgyne Szemes, Ungarn; Simcha Darvas, Israel; Gisele Foti, Kanada; Nicolas Roth, Frankfreich; Ivor Perl, Kanada; Lili Prince, Kanada; Gertrude Moskowitz, USA; David Ehrlich, USA; Edith Alexander, USA; Leslie Kleinman, England; Fried Mayer; USA; Alex Moskovic, USA; Andor Sternberg, USA; Georgina Schneider, USA; Georg Schiffmann, USA; Judy Cohen, Kanada; Joe Mandel, Kanada; Ruth Salomon-Abramsky, USA; Kathleen Zahavi, Kanada; Hesy Bohm, Kanada; Ted Bolgar, Kanada; Max Eisen, Kanada; Ernest Ehrmann, Kanada; Ella Ehrmann, Kanada; Eva Konigsberg, Kanada; Frieda Appel, USA; William Glied, Kanada; Sam Grad, Kanada; Rachel Neuwirth, Israel; Judith Kalman, Kanada; Paul Herczeg, Kanada; Eugene Lebowitz, USA; Lily Ebert, England; Claire Parker, England; Margaret Kaldor, England.